Artischocken als Hausschild in Erdberg.

artischokeIn einem alten Buch aus dem Jahre 1846 fanden wir einen kleinen Bericht über Häuser von Gärtnern in Erdberg. In der Sprache des frühen 19. Jahrhunderts wird uns dabei erklährt, warum auf diesem oft Schilder mit Artischocken waren.

Nicht ohne Grund findet man in jenen Vorstädten, wo vorzüglich der Gemüsebau getrieben wird mehrere Häuser zu der Artischocke genannt.
Diese Pflanze gehört zu den edleren Gemüsen. Sie wächst im südlichen Italien und Frankreich wild und wird bei uns in Gärten getrieben. Als sie gegen Ende des 17. Jahrhunderts nach Wien kam, fielen die Leckermäuler mit großer Gier darüber her und die Küchengärtner konnten nicht Artischocken genug zu Markte bringen. Die Erzeuger derselben unterließen nicht, wie sich das von selbst versteht, ihre grüne Modeware nach Möglichkeit hoch zu tariren* und mancher davon erbauere sich von dem Erlöse der Artischocken ein Haus, dem er aus Dankbarkeit auch diesen Namen beilegte.
Da sich diese Häuser besonders in der Leopoldstadt und zu Erdberg bald vervielfältigten, so kamen um sie von einander zu unterscheiden Hausschilder mit zwei und drei Artischocken – ja endlich sogar mit goldenen Artischocken zum Vorschein. Die Form der eigentlichen Frucht dieser Gemüsegattung, ist bekanntlich nichts weniger als edel und schlank.
Der Volkswitz verfiel daher auf die Idee ein kleines unförmig dickes, dabei aber affektiertes Frauenzimmer eine Artischocke zu nennen.

*) tariren –  Bedeutet in diesen Fall, daß die Gärtner diese seltene Frucht teuer verkauften.

Aus dem Buch „Curiositäten- und Memorabilien-Lexicon von Wien“, ein belehrendes und unterhaltendes Nachschlag- und Lesebuch in anekdotischer, artistischer, biographischer, geschichtlicher, legendarischer, pittoresker, romantischer u. topographischer Beziehung, Band 1, von Gerhard Robert Walter von Coeckelberghe-Dützele, Anton Köhler.
Wien, 1846 – 528 Seiten

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