Der Irrsinnige von der Apostelgasse. 

apostelgasseBei den Tagesnachrichten der “Illustrierte Kronen Zeitung” vom 14. Dezember 1916 haben wir folgende skurrile Geschichte entdeckt.

Ein Opfer der Trunksucht.

Wir haben gestern kurz mitgeteilt, daß der 38jährige Gerüster Rudolf Räder in seiner Wohnung, 3., Landstraße, Apostelgasse 24, von Irrsinn befallen und von der Rettungsgesellschaft der psychiatrischen Station überstellt wurde. Ueber den Vorfall, der in der nächsten Umgebung des genannten Hauses großes Aufsehen verursachte, erfahren wir nachstehende Einzelheiten: Rudolf Räder, der zum zweiten Male verheiratet war, wohnte mit seiner Gattin Theresia seit mehreren Jahren in der Apostelgasse. Seine beiden Kinder aus erster Ehe hatte er aufs Land in Kost gegeben und wohnte mit der Frau allein. Da diese im Rudolfsspitale als Hilfsarbeiterin beschäftigt war, mußte der Mann nicht seinen ganzen Verdienst zum Haushalte hergeben.

Dem Alkohol verfallen.

apostelgasse01Was ihm davon übrig blieb, nützte er jedoch nicht gut aus. Er ergab sich dem Trunke und kam selten nüchtern nach Hause. Dem Hange zum Alkohol konnten die Nerven des Mannes auf die Dauer keinen Widerstand entgegensetzen; die Trunksucht führte zum körperlichen und seelischen Zusammenbruche des Unglücklichen. In der letzten Zeit war Räder ohne Arbeit. Er trank in dieser Zeit mehr denn je und kam Montag abends volltrunken nach Hause.

Ich rieche Petroleum.

Als er sich mühselig entkleidet hatte, taumelte er zur Wasserleitung und drehte sie auf. Während das Wasser die Zimmer überschwemmte, schrie er fortwährend: „Ich rieche Petroleum!“ Seine Gattin, die längst im Bette lag und durch den Lärm des Betrunkenen erwachte, versuchte ihn zu beruhigen. Doch dieser wurde nur um so wilder und schüttete seine Gattin fortwährend mit Wasser an, wobei er immer wiederholte, daß er im ganzen Hause Petroleumgeruch verspüre. Erst nach geraumer Zeit gelang es der Frau, ihren Mann zu besänftigen, der sich aufs Bett warf und einschlief. Dienstag früh ging Frau Räder wie gewöhnlich an ihre Arbeit und ließ ihren Mann, der noch schlief, allein in der Wohnung. Im Laufe des Vormittags hörte die Hausbesorgerin Frau Burian einen furchtbaren Lärm. Sie eilte in den dritten Stock hinauf, um nach der Ursache zu forschen. Der Lärm kam aus Raders Wohnung. Die Tür war verschlossen, doch hörte Frau Burian aus dem furchtbaren Gepolter, das auch die Nachbarn aus ihrer Wohnungen lockte, daß Räder die Wohnungseinrichtung demoliere.Frau Buriau eilte nun ins Rudolfspsital, um Frau Nader zu verständigen. Diese eilte nach Hause, während Frau Burian inzwischen auch einen Wachmann herbeiholte.

Die verbarrikadierte Wohnung.

Als die drei Personen in die Wohnung dringen wollten, gab wohl die Tür den heftigen Druck der Eindringenden nach, aber ein Betreten der Wohnung war unmöglich.

Der tobsüchtig gewordene Herr Räder hatte nämlich die schwersten Möbelstücke vor die Tür gestellt und so die Wohnung verbarrikadiert. Die Fenster, die auf die Straße gehen, wurden von dem Irrsinnigen mit dicken Stricken vergittert.

Die Feuerwehr rückt aus.

Nunmehr verständigte der Wachmann die Feuerwehr und die Rettungsgesellschaft. In der Zwischenzeit bemerkten Passanten, die sich auf der Straße angesammelt hatten, daß der Irre die Stricke von den Fenstern entfernte und diese weit aufriß. Man befürchtete, daß der Mann sich zum Fenster hinausstürzen werde, und atmete auf, als die Feuerwehr erschien. Inzwischen hatte sich die Straße mit einer immer größeren Menge von Neugierigen gefüllt.

Die Feuerwehrmänner breiteten ein Sprungtuch aus und sandten einige kräftige Wasserstrahlen auf den Tobsüchtigen, um ihn vom Fenster zu vertreiben. Als dies gelang, drangen sie in die Wohnung und nicht ohne Kampf gelang es endlich, den Unglücklichen zu überwältigen. Die Rettungsgesellschaft übernahm ihn sodann und brachte ihn — es war inzwischen Nachmittag geworden — in die psychiatrische Klinik.

Quelle: ANNO

 

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