Ein Ehedrama in Erdberg

ehedramaDie kriminalistische Klärung dieses Ehedramas war schnell beendet und der Täter in Haft, aber die friedliche Idylle der nachweihnachtlichen Tage des Jahres 1910 in Erdberg waren jäh zu Ende – das Volk wollte den Täter lynchen.

Ein Originalbericht des „Neuen Wiener Jouruals“.

 Ein Ehedrama auf der Straße.

Gattenmord und Selbstmordversuch.

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Am Abend des 30. Dezember 1910 wurde der friedliche Platz vor der Apostelkirche zwischen der Erdbergerstraße und der Apostelgasse im Bezirk Landstraße Schauplatz eines blutigen Dramas.

Ein eheliches Drama hat sich gestern abend im III. Bezirke auf offener Straße abgespielt. Ein Mann tötete seine Gattin durch einen Revolverschuß und versuchte dann, sich selbst zu erschießen, verletzte sich jedoch nur leicht. Die Sache erregte riesiges Aufsehen, und es wäre bald zu einem Akt der Lynchjustiz gekommen. Wir erfahren über das Ereignis folgendes:

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Der große Platz in der Erdbergstraße an der Ecke der Apostelgasse vor der Kirche.

Im Hause III., Göllnergasse 23, wohnte der 28jährige Eisendreher Alois Aujesky mit seiner 28jährigen Gattin Josefa. Zwischen den Gatten kam es oft zu ehelichen Szenen, und im Hause wußte man, daß des Ehepaar wie Hund und Katze lebte. Frau Aujesky wurde allgemein bedauert, da man die Schuld an den unerquicklichen Verhältnissen nicht ihr zuschrieb. Die arme Frau hatte sich nicht anders zu helfen gewußt als durch die Flucht aus der gemeinsamen Wohnung. Vor zwei Tagen hat sie das Heim verlassen und sich vor dem Gatten verborgen. Der Mann war furchtbar aufgebracht und schwur der Frau Rache. Er führte auch seinen Vorsatz in schrecklicher Weise aus. Als er die Frau gestern auf dem großen Platz in der Erdbergstraße an der Ecke der Apostelgasse vor der Kirche traf, zog er einen Revolver von 12 Millimetern Kaliber, den er sich eigens zu diesem Zwecke angeschafft hatte, und feuerte von rückwärts der Unglücklichen eine Kugel hinter dem rechten Ohr in das Hinterhaupt. Mit einem Aufschrei stürzte die Frau blutüberströmt zu Boden. Der Mann setzte dann die Waffe gegen seine rechte Schläfe an und drückte los. Ein Schuß krachte und die Kugel drang dem Mann in den rechten Stirnhöcker.

Zahlreiche Passanten waren Zeugen der aufregenden Szene. Sie stürzten sich auf den Mann, der gleichmütig bei dem zuckenden Körper seiner mit dem Tode ringenden Frau stand . Die Passanten wollten ihn lynchen.

Ein Sicherheitswachmann, der in der Nähe auf Posten stand, eilte herbei und nahm den Mann fest. Als die Menge mit drohenden Worten und geballten Fäusten dem Mörder drohte, führte der Wachmann den Mann in einen Hauseingang. Inzwischen war die Rettungsgesellschaft verständigt worden und hatte eine Ambulanz auf den Tatort geschickt.

Inspektionsarzt Dr. Silber untersuchte die Frau und konnte nur mehr den Tod feststellen. Die Kugel hatte eine furchtbare und absolut tödliche Verletzung verursacht. Das Gehirn war durch die Wunde ausgetreten.

Der Mann ist, wie erwähnt, nur leicht verletzt. Er hat nur eine Streifschußwunde. Unter großem Aufsehen wurde er zum Polizeikommissariat Landstraße gebracht und dort einvernommen. Er gab die Absicht, seine Frau zu töten, unumwunden zu und zeigte sich noch erfreut, daß er sie so gut getroffen habe. Für den Zynismus des Mannes spricht der Umstand, daß er, als er untersucht wurde, eine Zigarette verlangte. AujeZky wird dem Landesgerichte wegen Mordes eingeliefert werden. Auf dem Tatorte fanden sich Kommissionen des Kommissariates Landstraße und des Landesgerichtes ein. Die Leiche der Frau wird gerichtlich obduziert werden.

Von anderer Seite erfahren wir:

Das Ehepaar Aujesky war im Hause III., Göllnergasse 23 zu Bette. Die Eheleute haben ein vierjähriges Kind, das jedoch bei Verwandten ist. Aujesky wurde nach seiner Verhaftung beim Kommissariat vom Polizeikommissär Dr. Feichtinger einvernommen. Er gab die Absicht, seine Frau zu töten, ruhig zu. Auch will er die Absicht gehabt haben, sich selbst zu erschießen. Die Schuld an dem gestörten ehelichen Frieden schreibt er der Toten zu, indem er behauptet, daß sie ihm die Wirtschaft nicht ordentlich geführt habe. Sie sei unordentlich und streitsüchtig gewesen und sei ihm in den letzten vierzehn Tagen zweimal durchgegangen. Das erstemal hatte er ihr verziehen, das zweitemal sei ihm die Sache jedoch näher gegangen, weil die Frau eine Nacht außer Hause verbracht habe und ihm durchaus nicht sagen wollte, wo sie war. Deshalb habe er sich entschlossen, der Sache dadurch ein Ende zu machen, daß er sie und sich erschieße. Den Revolver habe er schon zu dem Zwecke gekauft. Er holte die Frau von der Schwester ab, und als die Ehegatten zur Kirche kamen, trat er plötzlich hinter sie und gab Feuer. Als sie sank, schoß er gegen sich. Er traf sich aber nicht gut. Aujesky wird heute dem Landesgerichte eingeliefert

Frau Czizek, Aujesky Schwägerin, widerspricht den Mörder

Im Gegensatz zu den Aussagen des Mörders stehen die Erklärungen der Schwester der Unglücklichen und ihres Gatten, die den Mörder als roh und arbeitsscheu schildern. Auch dem Trunk soll er ergeben sein. Die Streitigkeiten, die es oft gab, hatten gewöhnlich ihre Ursache in Geldforderungen. Wenn Aujesky — was oft der Fall war ohne Arbeit war, mußte die Frau verdienen. Er soll die arme Frau öfters geschlagen haben. Dieser unwürdigen Behandlung überdrüsstg, hatte nun die Frau die Absicht, ihren Gatten zu . verlassen und sich allein als Dienstmädchen durchs Leben zu schlagen. Deshalb ist sie ihm auch diesmal durchgegangen und hat sich zu ihrer Schwester, der Frau Czizek, III., Rudolfsgasse 15, gewandt. Aujesky ließ es an Versuchen nicht fehlen, seine Frau zur Rückkehr zu bewegen. Sie hat aber, durch die trüben Erfahrungen gewitzigt, abgelehnt. Gestern ging er nochmals in die Wohnung der ^wägerin und suchte seine Frau zu bewegen, zu ihm zurückzukehren. Sie lehnte mit kurzen Worten, aber energisch Da ging er weg. Auf der Straße machte er noch zweinmal den Versuch, seine Frau umzustimmen, und erst dann will er den entsetzlichen Plan zu der Bluttat gefaßt haben. Aujesky ist noch nachts dem Inquisitenspital des Landesgerichtes eingeliefert worden. Er wird sich wegen Mordes zu verantworten haben.

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