Erdbergstraße Nr. 42, ein Artikel aus dem Jahr 1929.

Das Kleine Blatt vom 1. 6. 1929 von Seite 6.
Im eingestürzten Hause.

Erdbergstraße 44
Ein Bild von A. Blamauer, Erdbergstraße 46, 44 und 42

Nach dem Gewitterregen des letzten Mittwoch stürzte, wie bereits berichtet, ein Teil des Hauses Erdbergstraße 42 ein. Auch das nebenan gelegene Haus, Nummer 44, wurde in Mitleidenschaft gezogen.

 

046Gestern besuchte einer unserer Mitarbeiter die Unglücksstelle. Die Straßenbahnlinie J wird über den Ring abgelenkt. Eine provisorische Pendellinie 75 befährt einerseits die Strecke Wollzeile — Einsturzstelle auf der anderen Seite Einsturzstelle — Schlachthausgasse. Die Straße ist auch für den anderen Wagenverkehr vollkommen abgesperrt. Nur ein Gehsteig ist für die Fußgänger offen. Das Haus Nr. 42 bietet einen erschreckenden Anblick. Der Friseurladen der sich im Erdgeschoß befand, ist buchstäblich verschwunden; nur ein mächtiges Loch klafft an dieser Stelle. Das Haustor ist abgesperrt, ebenso das Tor des Hauses Nr. 44. Der Eingang ist durch das Haus Nr. 46.

In die Hofmauern wurden Breschen geschlagen, um den Bewohnern einen Zugang zu schaffen.

Über das Haus 44 hinweg geht das Balkenwerk der Pölzung und stützt sich an die Mauer des Hauses 46, einer modernen Zinskaserne.

Dorf Erdberg.

Die Häuser 42 und 44 sind ein Stück altes Erdberg, wie es glücklicherweise seit geraumer Zeit im Verschwinden ist. Die Front gegen die Straße zu ist einstöckig, in den Höfen erstrecken sich lange Parterrebaracken, die den Eindruck enger Dorfgässchen erwecken. Niemand ahnt hier, einige Meter von Straßenbahngeleisen und Automobilen, entfernt, die Nähe der Millionenstadt. Es ist eine Idylle der „G´müatlichkeit“, die den einzigen Nachteil hat, daß sie zeitweise gepölzt werden muß. Erdberg wird verschwinden. Es geht dem „Ratzenstadl“ an dem Leib. Lichtental ist ja zum Teil auch schon beseitigt.

Daß es aber so langsam geht, ist nicht die Schuld der Gemeindeverwaltung, sondern ist dem Fehlen eines Enteignungsgesetzes zuzuschreiben, das es der Gemeinde erlauben würde, alte Kaluppen niederzureißen und moderne Neubauten an ihre Stelle zu setzen.

Solange das nicht der Fall ist, wird es immer solche Unglücksfälle geben. Vor einigen Monaten krachte in der Alserbachstraße eine alte Zinshütte zusammen, vor einigen Tagen musste ein baufälliges Haus in der Orsaygasse Hals über Kopf geräumt werden. Und nun genügte ein Gewitterregen, um ein Haus zum Einsturz zu bringen. Es ist ein wahres Wunder, daß bis jetzt alle diese Einstürze noch kein Menschenleben gekostet haben. So sehr die großen Komplexe der Gemeindebauten der Stolz Wiens sind, so sehr sind die elenden Kaluppen, die es noch immer gibt. seine Schande. Je eher sie verschwinden, desto besser ist es.

Vier Parteien obdachlos.

Im Hause Nr. 42 sind drei Parteien um ihre Wohnung gekommen, im Nebenhaus hat die Hausbesitzerin selbst ihre Wohnung eingebüßt. Natürlich werden die obdachlosen Parteien anderswo untergebracht werden.

 Der Gassentrakt des Hauses Nr. 42 muß demoliert werden.

Und das kann man nur begrüßen, Je rascher das letzte Restchen: Erdberg verschwindet, desto bester ist es. Aber es ist traurig, daß das Fehlen eines dringend notwendigen Gesetzes dazu zwingt, zu warten, bis Kaluppen baufällig werden, ehe man sie niederreißen kann, weil privater Eigensinn sich stärker erweist als das Gemeinwohl. Das ist die Lehre des Mittwochgewitters von Erdberg.

Ein Augenzeuge berichtet.

Ein junger Mann, der in dem versunkenen Friseurladen beschäftigt war, erzählt folgendes: „Als das Unglück eintrat, war der Regen schon vorbei. Zuerst fiel ein Teil des ersten Stockwerkes zusammen. Die Bewohner konnten über die bereits freihängende Treppe noch flüchten. Etwa eine halbe Stunde später versank der Friseurladen.“

Man arbeitet nun daran, das Haus soweit zu demolieren, daß die Straße für den Verkehr freigegeben werden kann.

in der „Salzburger Chronik“ vom 13. Mai  1929auf Seite 3 fanden wir folgendes:

Das schwere Gewitter über Wien

Hauseinsturz in Erdberg

Das Unwetter über Wien war das schwerste seit jenem am 7. Juni 1894. Nach zwei Uhr ging der Regen in einen Wolkenbruch mit Hagel über, Blitz auf Blitz beleuchtete den dunklen Himmel, Hunderte von Hiobsposten bestürmten Polizei und Feuerwehr um Hilfe.
In der Erdbergstraße im 3. Bezirk ist ein altes, einstöckiges Haus eingestürzt und zieht das Nebenhaus nach sich.

PS: Kaluppe, auch Chaluppe, kommt vom westslawischen „chalupa“, welches eine kleine Hütte, ein ärmliches Haus aus Lehm oder Holz bezeichnet. Daraus bildete sich im Volksmund das umgangssprachliche Kaluppe oder Kaluppbude für ein einfaches, schlecht oder leichtfertig gebautes Haus. Diese Bezeichnung ist heute vor allem im Österreichischen Deutsch gebräuchlich.

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