Beliebte Gasthäuser

War das Hetztheater eine Mischung von Vergnügungsetablissement, Theater und Zirkus gewesen, ein Kuriosum sondergleichen, so besaß die Landstraße auch eine Reihe von Gast- und Vergnügungsstätten im herkömmlichen Sinn, deren Name vielfach weit außerhalb der Bezirksgrenzen bekannt war. Zu den interessantesten und auch bekanntesten Gasthäusern der Landstraße gehörte zweifelsohne das Einkehrwirtshaus „Zur Goldenen Birne“ (Landstraßer Hauptstraße 31). Besonders in der Zeit des Vormärz überragte dieses Lokal an Beliebtheit fast alle anderen derartigen Etablissements.

Tanzsaal im Gasthaus „Zur Goldenen Birne“, Lithographie von Alexander von Bensa

Es bestand schon am Beginn des 18. Jh.s, in den Jahren 1797 und 1825 wurde es durch Umbauten verändert. Der Betrieb ist vor allem mit den Familien Settele und Stipperger aufs engste verbunden. Besonders die Familie Stipperger verstand es, dem Lokal zu jener Bedeutung zu verhelfen, die es in der ersten Hälfte des 19. Jh.s einnahm. Johann Stipperger stammte aus Bayern, kam nach Wien und heiratete hier die Försterstochter Anna Glaser; zu jenem Zeitpunkt besaß er schon ein anderes Wirtsgeschäft auf der Landstraße, das Lokal „Zum braunen Hirschen“ in der Haltergasse. Der äußerst tüchtige Wirt hinterließ bei seinem Tod im Jahr 1833 nicht weniger als 56 561 fl.

Die „Goldene Birne“ blieb weiterhin im Besitze der Familie Stipperger. In dieser Zeit kam es zu einer bemerkenswerten Umgestaltung des Anwesens. Ein neugeschaffener Tanzsaal wurde im Hof des Nachbargebäudes errichtet. Er erhielt, weil hier jährlich das Namensfest der Wiener Annen gefeiert wurde, bald den Namen „Wiener Annentempel“. Die „Goldene Birne“ war auch Treffpunkt berühmter Persönlichkeiten; so ist dieses Lokal eng mit dem Namen des griechischen Freiheitshelden Fürst Ypsilanti verbunden. Er liebte Konstantine Rasumofsky, die Schwester Lulus von Türheim und Gemahlin des russischen Botschafters. Der durch jahrelange Haft körperlich zermürbte Grieche kam als schwerkranker Mann nach Wien, um seine letzten Tage in der Nähe der Geliebten zu verbringen. Ypsilanti starb im Gasthof „Zur Goldenen Birne“ am 31. Jänner 1828. Vier Jahre später war der Gasthof abermals Schauplatz einer bittersüßen Liebesgeschichte: Lulu von Türheim hatte sich in Charles Thirion, den Sekretär ihres Schwagers, des Fürsten Rasumofsky, verliebt. Thirion mußte deshalb seine Stellung beim Fürsten aufgeben; in einem Dorf bei München ließ sich das Paar heimlich trauen. Nach Wien zurückgekehrt, lebte Thirion in der „Goldenen Birne“, wo ihn seine Ange traute täglich besuchte. Dieser offenbar doch nicht glücklichen Situation setzte Thirion durch seinen Freitod ein Ende. Honore de Balzac, der große französische Dichter, stieg im Mai 1835 in der „Goldenen Birne“ ab; auch hier waren Herzensangelegenheiten im Spiel: Er wollte seiner Angebeteten Madame von Hauska, geborene Gräfin Rzewuska, die in der nahen Salmgasse wohnte, möglichst nahe sein.

Doch nicht nur durch romantische Liebesepisoden mit zum Teil tragischem Ausgang war die „Goldene Birne“ oft Tagesgespräch. Im neuerbauten Tanzsaal konzertierten Josef Lanner und Johann Strauß; auch der im vorigen Jahrhundert bekannte Philipp Fahrbach musizierte in der „Goldenen Birne“. Im Tanzsaal dieses Lokals wurden damals die sogenannten „Grazienbälle“ abgehalten. Bei diesen Bällen führte Fahrbach als besondere Attraktion seine sogenannten MosaikWalzer vor. Aus den Kreisen des Publikums wurden Walzerthemen angegeben, eines durch eine Dame ausgewählt, von Fahrbach instrumentiert, mit Eingang und Finale versehen und sogleich vorgetragen. Sein Opus 37 mit dem Titel „Grazien-Huldigungsspenden“ erinnert daran.

Brauhaus St. Marx, Photographie um 1900

Eine Schilderung der „Goldenen Birne“ liegt von Hoffmann von Fallersleben vor. 1839 besuchte er gemeinsam mit Lenau das Lokal auf der Landstraße und schrieb darüber: „Der schöne Saal war erfüllt mit Gästen. Wir fanden mit Mühe ein Plätzchen und speisten sehr gut zu Abend. Lanner trug vieles auf der Geige vor, so daß das Publikum alle Augenblicke in Jubel ausbrach.“ Politische Bedeutung erhielt die „Goldene Birne“ durch Hans Kudlich, den Befreier der Bauern, der hier mit Freunden politische Gespräche führte. Sogar Ludwig van Beethoven stattete der „Goldenen Birne“ oftmals einen Besuch ab. Der Komponist speiste in den Jahren 1823/24 relativ oft in diesem Lokal; es war die Zeit, als er in der Ungargasse 5 wohnte. Aus zahlreichen Briefstellen, vor allem aus Schreiben an Anton Schindler, erfahren wir über Beethovens Anwesenheit in dem berühmten Landstraßer Lokal. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ging die Popularität der „Goldenen Birne“ zurück, die große Zeit des Lokals war vorbei. Grund dafür dürfte gewesen sein, daß mit der Eröffnung der Sofiensäle sowie des „Dreher’schen Etablissements“ auf der Landstraße eine große Konkurrenz entstanden war. Ab etwa 1870 wurde der Tanzsaal des Lokals nicht mehr benützt, die „Goldene Birne“ wurde nur mehr als Gasthof weitergeführt, 1879 wurde der populäre Tanzsaal abgerissen.

Nach und nach verlor die beliebte Volksbelustigungsstätte immer mehr an Bedeutung, entwickelte sich zum reinen Hotelbetrieb, bis sich Anfangs des 20. Jh.s ihre Pforten für immer schlossen. In dem an dieser Stelle errichteten Neubau erinnern heute nur mehr zwei Gedenktafeln an die prominenten Besucher, Fürst Ypsilanti und Honore de Balzac.

Eines der ältesten Einkehrwirtshäuser der Landstraße ist der nach einem Hausschild benannte Gasthof „Zum roten Hahn“. Im Türkenjahr 1683 hat er bereits seit längerem existiert – wir wissen dies, da die Quellen vom gewaltsamen Tod des Wirtes vom „Roten Hahn“ berichten. Der „Rote Hahn“ (Landstraßer Hauptstraße 40) konnte sich als Vergnügungsetablissement nicht mit der „Goldenen Birne“ messen, als Einkehrgasthof hatte er aber lange Zeit hindurch einen sehr guten Ruf. Als der junge Adalbert Stifter 1826 nach Wien kam, übernachtete er mit seinen Freunden hier. Einen noch berühmteren Gast bekam das Lokal 1848: Im Oktober dieses Jahres wurde der Gasthof teilweise in die Geschehnisse der Revolution verwickelt. Beim Einzug der kaiserlichen Truppen soll aus diesem Hause auf die Soldaten geschossen worden sein, was zur Folge hatte, daß das Lokal vom Militär gestürmt wurde. Am selben Tag hielt der Banus Jellacic seinen Einzug auf der Landstraße; im „Roten Hahn“ nahm er sein Mittagessen ein.
Nicht nur in der „Goldenen Birne“, auch im „Roten Hahn“ war Ludwig van Beethoven öfters zu Gast. Gegen Ende des 19. Jh.s wurde der „Rote Hahn“ zu einem regelrechten Treffpunkt für berühmte Maler der Zeit, verkehrten doch in diesen Jahren hier Leopold Munsch, Schindler, Rusz und Canon. Heute finden wir an dieser Stelle der Landstraße einen Hotelbetrieb, der immer noch den Namen „Zum roten Hahn“ führt.

Auch andere zu ihrer Zeit recht bekannte Gasthäuser erfreuten sich großer Beliebtheit. Der „Weiße Schwan“ auf der Landstraßer Hauptstraße 18 war teils durch seinen schönen Garten, teils durch die Raucherlaubnis anziehend und hatte als Tanzlokal regen Besucherverkehr. Ein beliebtes Bierhaus – vor allem im 18. Jh. – war das Lokal „Zu den sechs Krügeln“ (Sechskrügelgasse 2). Der ursprüngliche Name des Lokals lautete „Zu den sechs Krügen“; er nahm auf ein vorher hier befindliches Geschirrgeschäft Bezug. Ein bekanntes Erdberger Lokal (Erdbergstraße 10) war die Gaststätte „Zur schönen Sklavin“. Berühmt war dieses Gasthaus im 18. Jh. vor allem wegen seiner exzellenten Küche. Der berühmte Rostbraten, „groß und mürb wie Butter ohne Bein“, fand sogar Eingang in ein humoristisches Gedicht. Schon vor Stipperger erregte der Vorbesitzer Valentin Lermann großes Aufsehen, da er in der „Schönen Sklavin“ monatlich 8 Eimer Mailänder Bier aus der St. Marxer Brauerei ausschenkte.

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