Schloss Belvedere

Eines der kostbarsten Bauwerke, nicht nur des dritten Bezirks, sondern Wiens überhaupt, ist zweifelsohne das Schloss Belvedere, die ehemalige Sommerresidenz des Prinzen Eugen von Savoyen. Die Schlossanlage (aus Unterem Belvedere, Rennweg 6, und Oberem Belvedere, Prinz-Eugen-Straße 27, bestehend), Hauptwerk des Barockbaumeisters Johann Lukas von Hildebrandt, gilt als eine der schönsten ihrer Art in ganz Europa. Schloss Belvedere hat im Lauf der Jahrhunderte eine recht wechselvolle Geschichte hinter sich; es war fürstliche Sommerresidenz, kaiserliches Lustschloss, Stätte der kaiserlichen Kunstsammlungen sowie Residenz des vorletzten Österreichischen Thronfolgers; es wurde schließlich zum staatlichen Museum und war oft Schauplatz historischer und gesellschaftlicher Großereignisse – eine Rolle, die das Barockschloss auch heute noch einnimmt.

Wenn wir die Geschichte dieser Schlossanlage aufzeigen, wollen wir chronologisch vorgehen. Hier muß man bei einem der größten österreichischen Feldherren, einem der bedeutendsten Männer der Geschichte unseres Landes, beginnen, dessen Name mit dem Entstehen dieser Prachtanlage verbunden ist: Prinz Eugen von Savoyen. Der am 18. Oktober 1663 in Paris geborene Deszendent einer Nebenlinie des Hauses Savoyen, Großneffe von Kardinal Mazarin, kam, nachdem der französische König Ludwig XIV. seine Dienste abgelehnt hatte, relativ mittellos an den Kaiserhof nach Wien. Schon sehr bald konnte sich der junge Eugen auszeichnen. Bei der Zweiten Türkenbelagerung waren seine militärischen Fähigkeiten schon aufgefallen, und von diesem Zeitpunkt an nahm seine militärische Karriere ihren Lauf. Erst im Jahr 1690 erwarb er ein Haus in der Wiener Himmelpfortgasse, dem zwei kleinere benachbarte Häuser folgten. Einer der bekanntesten Baumeister seiner Zeit, der Architekt des Kaisers, Johann Bernhard Fischer von Erlach, baute diese Häuser in, der Folge zum repräsentativen Stadtpalais des Prinzen um. (Heute beherbergt das ehemalige Winterpalais Eugens das Finanzministerium.)

Obwohl Prinz Eugen etwa um diese Zeit, knapp vor der Wende vom 17. zum 18. Jh., bereits Weinberggründe am Rennweg zwecks Errichtung eines Gartenpalais vor der Stadt ankaufte, dauerte es noch einige Zeit bis zur Realisierung dieses Vorhabens. Das Hauptinteresse des Feldherrn, der sehr oft der Hauptstadt fern war, galt anderem. Nach seinem Sieg über die Türken bei Zenta, 1697, wurde Eugen vom Kaiser mit Ländereien zwischen Donau und Drau belohnt, außerdem kaufte er die Donauinsel Csepel, wo er sich 1702 das Schloss Rackeve bauen ließ. Der Bauherr dieses Schlosses war der ehemalige „kaiserliche Hofingenieur“, der gerade als Baumeister des Prinzen noch viel von sich reden machen sollte: Johann Lukas von Hildebrandt. Dieser 1668 in Genua geborene Sohn eines Hauptmanns deutscher Abstammung war in Rom als Architekt ausgebildet worden. Da aber Hildebrandt besonders vom Festungsbau fasziniert war, trat er in kaiserliche Dienste. Er nahm an drei Feldzügen Eugens in Piemont teil, wo er dessen Festungsingenieur wurde. Mit ihm scheint Prinz Eugen zufriedener gewesen zu sein als mit Fischer von Erlach. Und so kam es, daß der junge Hildebrandt, der sich eben erst in der Kaiserstadt einen Namen machte, der bevorzugte Baumeister des Prinzen wurde. Hildebrandt, 1696 nach Wien gekommen, wurde 1723 zum Hofbaumeister ernannt. Seine Werke haben im Gegensatz zu der strengeren, monumentalen Kunst Fischer von Erlachs einen vornehmen und zugleich heiteren Charakter und sind dank der norditalienischen Einflüsse auch im Ornamentalen lebhafter. Fast alle seine Bauten sind nach französischem Vorbild stark gegliedert. Unter Umständen war für Eugen bei der Wahl Hildebrandts mitbestimmend, daß dieser wohl eher den persönlichen Ideen und Wünschen des Prinzen entgegenkam als der viel eigenwilligere Fischer von Erlach. Tatsache ist, daß Hildebrandt mit seinen Aufgaben künstlerisch immer mehr wuchs und im Belvedere sicherlich sein Meisterwerk geschaffen hat, das in Eigenart und Unwiederholbarkeit den Bauten eines Fischer von Erlach ebenbürtig ist und zu den größten Leistungen des österreichischen Barock gehört, jener Epoche, in der sich der Wandel Wiens von der abendländischen Grenzfestung zur europäischen Metropole vollzog und die von einer wahren Bauwut gekennzeichnet ist. Nach der endgültig überwundenen Gefahr aus dem Osten kam es zu einem politischen und wirtschaftlichen Aufstieg des Habsburgerreiches. Die Paläste in und vor der Residenzstadt entstanden nahezu in Rekordzeit; vorwiegend adelige Familien hatten den Ergeiz, neben einer Stadtwohnung auch ein Sommerpalais außerhalb der Stadt zu besitzen. So kam es, daß die Hügel rings um die Stadt, die vielen Weingärten und Wiesen der Vorstädte, bald durch Schlösser und Gärten geprägt waren. Besonders bei Prinz Eugen sollte das Bauwerk Macht und Reichtum repräsentieren und zudem in künstlerischer Hinsicht, dem hohen Kunstverständnis Eugens entsprechend, eine Meisterleistung werden. Deshalb verstrichen etliche Jahre, bis zunächst das Untere Belvedere und der Park (1714-1716) und dann das Obere Belvedere (1721-1723) ausgeführt waren.

Das Grundkonzept war schon in den ersten provisorischen Plänen festgelegt worden: ein Schloss im Tal, ein zweites auf der Anhöhe gegenüber. Als im Herbst 1713 die Arbeiten (vorerst an der Anlage des Gartens) begannen, hielt sich der Feldmarschall gerade in den Rheinlanden auf. Prinz Eugen beschäftigte bei dem Bau bis zu 1 300 Taglöhner. Im Frühjahr 1714, als Eugen von den Friedensverhandlungen in Rastatt nach Wien zurückgekehrt war, wurde mit dem Bau des unteren Schlosses am Rennweg begonnen. Schon nach zweijähriger Arbeitszeit war das untere Schloss vollendet. Immer wieder war der Prinz während der Arbeiten an seiner Sommerresidenz im Kriegseinsatz im Ausland. Unterdessen führte er aber eine intensive Korrespondenz mit seinem Architekten Hildebrandt. Berühmte Künstler wurden nach Wien geholt. So beauftragte Eugen z. B. den Maler Martino Altomonte mit der Durchführung des allegorischen Deckenfreskos im Unteren Schloss, der dabei auf die eben erfolgte hohe päpstliche Auszeichnung des Bauherrn nach dessen Sieg bei Peterwardein über die Türken anspielte. Für die Anlagen der Fontänen und Kaskaden holte man einen in Versailles ausgebildeten französischen Fachmann des Wasserbaues, Dominique Girard, nach Wien. Das Wasser der Zierbecken wurde in einer eigenen Leitung von den Hängen des Wienerwaldes herangeführt. Die Oberleitung bei der Anlage des Gartens hatte der Garteninspektor des Prinzen, Anton Zinner, der nach Hildebrandts Gesamtplan und den Anweisungen Girards vorging. Dieser damals angelegte Garten ist in seiner ursprünglichen Gestaltung heute nicht mehr erhalten. Die Gartenanlage, wie sie sich heute präsentiert, geht auf eine Um- bzw. Neugestaltung in den Jahren 1850/52 zurück.

Etwa zur selben Zeit wie das untere Schloss entstanden auch der weitläufige Marstall, die beiden Glashäuser und die Orangerie mit dem sogenannten „Kleinen Garten“. Auf Anordnung Eugens wurden die prächtigsten Orangenbäume, Palmen und andere tropische Gewächse nach Europa gebracht; außerdem ließ er auch eine Menagerie anlegen. Der Tiergarten, auf der Anhöhe errichtet, entstand etwas früher als das Hauptschloss. Nach dem Tod des Prinzen wurde dieser Tiergarten nach Schönbrunn übertragen, und an seiner Stelle sowie an Stelle der Orangerie entstand der heutige Alpengarten, ein Garten der österreichischen Flora.

Im Jahr 1717 war die endgültige Form des Oberen Belvederes in Plänen festgelegt. Eugen hatte mit seinem Architekten alles genau durch besprochen und selbst die Innendekoration schon im voraus bestimmt. Es ist trotz der Stellung, die Eugen damals bereits innehatte (viele sahen in ihm den zweiten Mann im Staate), auch heute noch verwunderlich, wie die immensen Summen aufgebracht werden konnten, die dieser Bau verschlang. In erster Linie dürften es jene Einkünfte gewesen sein, die Eugen in seiner Funktion als Generalgouverneur der österreichischen Niederlande zuflossen. Jedenfalls war auch das Obere Belvedere in einer Rekordzeit fertiggestellt: 1721 begonnen war es 1723 bereits vollendet. Obwohl nicht das letzte Bauvorhaben Eugens, stellte das Belvedere doch den Glanzpunkt unter seinen Besitzungen dar.

Bereits zeitgenössische Beschreibungen haben die Pracht und den erlesenen Geschmack der Innenausstattung des Schlosses, vor allem des Oberen Belvederes, bewundert. Prinz Eugen holte ja auch die jeweils besten Künstler für die Ausführung seiner Vorhaben nach Wien. Altmonte, Fanti, Carlone und Drentwett verpflichtete Eugen und für die Herstellung der Statuen in den Galerien beider Schlösser sowie in der Schlosskapelle den Genuesen Domenico Parodi. Aus noch erhaltenen Schilderungen können wir Details des ursprünglichen Zustandes entnehmen; nur die kostbarsten Materialien wurden verwendet, wie venezianische Spiegel oder Kronleuchter aus Bergkristall. Zu Lebzeiten des Prinzen war die Residenz nicht nur Wohnsitz, sie war auch im wahrsten Sinne des Wortes Schatzkammer. So beherbergte das untere Schloss die berühmten Antiken, während in der Orangerie und im Großen Glashaus die Sammlung der seltensten exotischen Gewächse untergebracht war. Das obere Schloss wiederum barg einen Teil der äußerst wertvollen Bibliothek, mathematische Instrumente, vor allem aber die bedeutende Niederländersammlung und die italienischen Gemälde des 16. und 17. Jh.s. Darüber hinaus galt die Menagerie des Prinzen zu jener Zeit als die nach Versailles wichtigste von Europa.

Als das Schloss vollendet war, stand Prinz Eugen auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der erste Feldherr und führende Staatsmann Österreichs wurde in ganz Europa bewundert. Alle am Kaiserhof akkreditierten Diplomaten machten dem Präsidenten des Hofkriegsrates und Chef der „Geheimen Konferenz“ ihre Aufwartung. Seine Abendgesellschaften waren berühmt, besonders wenn er sie im märchenhaften Rahmen des Sommerpalais abhielt. Eugen, der am 21. April 1736 starb, war der letzte männliche Nachkomme des Hauses Savoyen-Soisson. Fast alle seine Verwandten hatte er überlebt; ein rechtsgültiges Testament war nicht vorhanden. Eine vom Kaiser eingesetzte Kommission erklärte die letzte noch lebende Verwandte des Prinzen zur Universalerbin. Dies war seine noch unvermählte zweiundfünfzigjährige Nichte Victoria, die zuerst in einem Turiner Kloster, dann in der savoyschen Stadt Chambery gelebt hat. Der Prinz dürfte sie übrigens nur ein einziges Mal gesehen haben. Sie war ausgesprochen ungeeignet, das große und kostbare Erbe zu verwalten. Kaum hatte sie sich in Wien einquartiert, begann sie, den Großteil des Erbes zu veräußern. So verkaufte sie sofort die antiken Statuen an den Dresdner Hof, bot die Gemäldesammlung des Prinzen zum Kauf an und löste die Menagerie auf. Der Kaiser versuchte, den Verkauf außer Landes einzudämmen. Gegen eine jährliche Rente erwarb er von der Erbin die Bibliothek und die graphische Sammlung. Trotzdem wurde die gesamte Gemäldesammlung des Prinzen Eugen dem König von Sardinien verkauft. In mühsamen Transporten brachte man die Kunstschätze nach Italien. Ein Teil der Sammlung befindet sich auch heute noch in der Galleria Sabauda, viele Bilder kamen jedoch im 18. Jh. während der französischen Besatzung nach Frankreich und kehrten nach der Restauration nicht mehr zurück. Heute sind viele Gemälde in verschiedenen europäischen und amerikanischen Sammlungen oder gelten als verschollen. Victoria, die die Stadt und das Land um einen wertvollen Kunstschatz gebracht hatte, kümmerte sich auch wenig um die Erhaltung der Schlösser und des Gartens. Die junge Maria Theresia versuchte der Eugen-Erbin das Sommerpalais abzukaufen. Nachdem dies an den immensen Forderungen Victorias mehrmals gescheitert war, kam der Ankauf 1752 doch zustande. Die Erbin Prinz Eugens war entschlossen, wieder nach Turin zurückzukehren. Das Stadtpalais und der Garten mit beiden Schlössern, einschließlich der gesamten Ausstattung, ging gegen eine Leibrente in kaiserlichen Besitz über. Prinzessin Victoria starb elf Jahre später in Savoyen. Damit war die ehemalige Sommerresidenz Prinz Eugens zum kaiserlichen Lustschloss geworden und erhielt unter Maria Theresia den Namen „Belvedere“. Nachdem man notwendige Restaurierungsarbeiten vorgenommen hatte, blieb das Schloss für zwei Jahrzehnte praktisch ohne Verwendung; Maria Theresia hat es nie bewohnt, sondern nur manchmal Besuche empfangen. Eine Ausnahme bildet ein Fest, das die Kaiserin anlässlich der Vermählung ihrer Tochter Marie Antoinette mit dem französischen Dauphin veranstaltete und das einen Höhepunkt in der Geschichte dieses Schlosses darstellt.

Als Maria Theresia 1764 zum Schutz der kaiserlichen Familie und zugleich als ehrenvolle Versorgung ausgezeichneter adeliger Offiziere die deutsche Arcierenleibgarde gründete, bestimmte sie Marstall und Nebengebäude des Unteren Belvederes als Gardequartier. Die Orangerie wurde nach Schönbrunn verlegt und die Hälfte der Glashäuser aufgelassen. Das sogenannte „Pomeranzenhaus“, die grosse Orangerie des Prinzen Eugen, verlor dadurch seine ursprüngliche Bestimmung. Durch ihren Architekten Nicolas Pacassi ließ die Kaiserin anstelle der Glashäuser am Rennweg neue Trakte errichten und verlängerte dadurch die Rennwegfront des Marstalls um sechzehn Fensterachsen gegen Osten. Auf den Grundmauern des ehemaligen großen Glashauses wurde das sogenannte „Gardestöckel“ errichtet, ein Bau für die Gardeoffiziere und ihre Diener. Das „Pomeranzenhaus“ diente von nun an als zusätzlicher großer Pferdestall. Über 150 Jahre blieb daraufhin das Untere Belvedere Heim der Leibgarde, und noch 1914 wurde im Marmorsaal das Jubiläum ihrer Gründung gefeiert.

Der grosse Reformator Joseph II. übertrug die kaiserliche Gemäldegalerie aus der Stallburg in das Belvedere und machte sie allgemein zugänglich. Der junge Mitregent wollte im Sinne des aufgeklärten Absolutismus den Kunstbetrieb fördern und die Volksbildung heben. Damit tat Joseph Il. den ersten Schritt zur Umwandlung der kaiserlichen Privatsammlungen in ein Museum. Durch diesen Entschluss Josephs Il. bekam das Belvedere wieder eine wichtige Funktion, die auch eine gründliche Restaurierung der Gesamtanlage gerechtfertigt erscheinen ließ. Mit der Aufstellung der Galerie wurde der Basler Kupferstecher Christian von Mechel betraut, nach dem die Mechelgasse im Bezirk bekannt ist. Er verfasste den ersten Katalog dieser kaiserlichen Sammlung. Die Galerie wurde im Herbst 1781 eröffnet; sie war bei freiem Eintritt dreimal in der Woche zugänglich. Zum ersten Direktor dieser kaiserlichen Gemäldegalerie im Belvedere wurde Joseph Rosa, der selbst viele Gemälde restauriert hatte, ernannt. Wie Rosa waren auch die nachfolgenden Direktoren dieser Sammlung vorwiegend Maler. Die Kustoden der Galerie erhielten ihre Wohnungen in dem Trakt gegenüber der Schlosskapelle, dem „Kustodentrakt“. Dieser Seitentrakt zieht sich von der Südostecke des Oberen Belvederes im rechten Winkel zur Palastfront, den großen Schlossteich entlang gegen den Landstraßer Gürtel hin.

Als im Zuge der Anlegung der Ringstraße auch das neue Kunsthistorische Museum fertiggestellt war, begann der Auszug der kaiserlichen Sammlungen aus dem Schloss. Am 17. Oktober 1891 fand die feierliche Eröffnung des Kunsthistorischen Museums durch Kaiser Franz Joseph statt. Nachdem die Kunstsammlungen nun im Museum am Ring untergebracht waren, hatte das Belvedere keine spezielle Aufgabe mehr. Unterbrochen wurde diese Stille jedoch bald durch Aktivitäten der in Wien sprichwörtlich bekannt gewesenen, unermüdlichen Fürstin Pauline Metternich, die den Garten des Belvederes zum Schauplatz ihrer diversen Wohltätigkeitsveranstaltungen und sonstiger Festivitäten auserkoren hatte.

Ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Belvederes stand in Verbindung mit einem Mann, der nach der Tragödie von Mayerling, 1889, an zweiter Stelle der österreichisch-ungarischen Monarchie rangierte: Thronfolger Franz Ferdinand d’Este. Franz Ferdinand war ein vielseitig interessierter, relativ aufgeschlossener und modern denkender Mensch, der in vielen Punkten mit seinem kaiserlichen Onkel nicht übereinstimmte. Seine eigene Politik, die oft in krassem Gegensatz zu der der Hofburg stand, ging schließlich sogar, unter dem Namen seiner neuen Residenz, als „Belvederepolitik“, in die Geschichte ein. Das Obere Belvedere war schon bald nach dem Auszug der Gemäldegalerie als Residenz des Thronfolgers bestimmt worden. Aber erst im Jahr 1897 übernahm der Erzherzog, der auch im dritten Bezirk aus dem estenischen Erbe das Modenapalais besaß, sein neues Heim. Der Architekt Emil von Förster wurde beauftragt, das Schloß ohne große Veränderungen des Äußeren umzugestalten und vor allem die Innenräume den neuen Anforderungen anzupassen. Franz Ferdinand ließ eine Reihe von Arbeiten vornehmen, etwa Wände versetzen, Rohrleitungen legen, einen Wintergarten in ein Badezimmer umwandeln und vor den Portalen an der Hofseite Vorbauten errichten. Für die Adaptierung des Schlosses einschließlich des Einbaues von Gas- und Wasserleitungen, Dampfheizungen, elektrischer Beleuchtung, sanitären Anlagen, Aufzügen und Telegrapheneinrichtungen wurde der Betrag von einer Million Gulden überschritten. Auch die kostspielige Innendekoration trug zur Höhe dieser Renovierungskosten bei. 1899 bezog der Thronfolger das Belvedere, wo er bis zu seiner Ermordung in Sarajewo lebte. Er bewohnte mit seiner Familie (1900 hatte er die Gräfin Sophie Chotek geheiratet) alle Räume des Schlosses. Im zweiten Stock wurden später die Kinderzimmer eingerichtet. Viele Kunstgegenstände kamen im Lauf der Jahre ins Belvedere, teils aus der estenischen Sammlung stammend, teils vom Thronfolger neu erworben. Sein gesamter Hofstaat bewohnte die Nebengebäude der beiden Schlösser. Die Militärkanzlei, die Franz Ferdinand 1910 gebildet hatte und die aus 15 Personen bestand, befand sich im Unteren Belvedere im Rennwegtrakt, östlich des Haupttores.

Obwohl der Thronfolger viel auf Reisen war und das Schloss oftmals für längere Zeit Leerstand, hat er doch diesem Barockbau mit der Restaurierung einen guten Dienst erwiesen. Zweifellos wurde damit ein entscheidender Schritt zur einwandfreien Erhaltung des Schlosses getan. Mit dem Tod des Thronfolgers mussten auch seine morganatischen Kinder aus dem Schloss ausziehen. Zum Nachlas Franz Ferdinands gehörte nur das Privateigentum und die Estenische Kunstsammlung, nicht aber die übrige Einrichtung des Schlosses. Die Räume wurden abgeschlossen und, solange Kaiser Franz Joseph lebte, nicht mehr bewohnt. Für kurze Zeit wurde das Belvedere noch einmal Wohnstätte eines Habsburgers. Von 1917 an lebte der Bruder Kaiser Karls, Erzherzog Maximilian, mit seiner Familie im Belvedere.

Mit dem Ende der Monarchie begann die Funktion des Belvederes als Staatliches Museum. 1919 ordnete das liquidierte Hofärar eine Inventur des noch Vorhandenen an. Die Leihgaben wurden dem Kunsthistorischen Museum übergeben, die Einrichtungen dem Mobiliendepot, das Schloss selbst ging in Staatsbesitz über. Die junge Republik plante, da ein Entwurf zur Neuordnung der ehemaligen kaiserlichen Sammlungen vorhanden war, die Einrichtung einer „Österreichischen Galerie“ im Belvedere vorzunehmen. Zuerst kam es 1923 zur Bildung des „Barockmuseums“ im Unteren Belvedere. Im Oberen Belvedere eröffnete man ein Jahr später die „Galerie des XIX. Jahrhunderts“ mit Werken österreichischer und ausländischer Künstler.

Diese Phase wurde durch das Dritte Reich unterbrochen. Das Schloss mußte den Rahmen für einige unheilvolle Staatsakte Hitlers und seiner Führung abgeben. So fanden hier 1938 und 1940 jene beiden „Wiener Schiedssprüche“ statt, die willkürlich neue Grenzen zwischen Ungarn, der Slowakei und Rumänien setzten. Aber auch die Beitrittserklärungen Ungarns, Bulgariens und Jugoslawiens zum Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan fanden im Oberen Belvedere statt. Jede dieser Zeremonien wurde im Marmorsaal des Schlosses abgehalten. Bald nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verlegte man die Kunstsammlungen und schloß das Belvedere. Unter dem Bassin vor dem oberen Schloss baute man einen großen Bunker, der Hitler und die übrige Naziführung bei eventuellen Luftangriffen schützen sollte. Schließlich zog die sogenannte „Zentrale Luftschutzpolizei-Befehlsstelle für den Reichsgau Wien“ in diesen Bunker ein. Baldur von Schirach nahm bald das gesamte Gebäude für diese Dienststelle in Anspruch. Man hatte am östlichen Dachteil des Schlosses einen Beobachtungsturm und im Garten eine Flakbatterie mit Scheinwerfern aufgestellt; der Protest der Galerieleitung gegen diese zusätzliche Gefährdung des Belvederes blieb ungehört. Und tatsächlich schlugen am 18. November 1944 die ersten Fliegerbomben in den oberen Schlossbau ein; dabei wurde der Verbindungstrakt zwischen den östlichen Flügeltürmen und der mittleren Pavillongruppe schwer beschädigt. Spätere Treffer rissen das Dach und die Nordostecke des großen Marmorsaales auf. Im Unteren Belvedere erlitten vor allem der Groteskensaal und die Marmorgalerie beträchtliche Schäden. Auch der Kustodentrakt wurde in Mitleidenschaft gezogen. Bei Kriegsende bot die Schlossanlage ein Bild der Verwüstung.

Die Wiederherstellungsarbeiten der zerstörten Baulichkeiten des Belvederes und der Inneneinrichtungen gingen nach dem Krieg nur schrittweise vor sich und nahmen nahezu zehn Jahre in Anspruch. Die wiedererlangte Eigenstaatlichkeit Österreichs ließ nun die Idee einer die gesamte Kunst umfassenden „Österreichischen Galerie“ wieder aufleben. Und so kam es schließlich zu jener Gestaltung, die heute anzutreffen ist: In der völlig umgestalteten Orangerie ist heute das „Museum mittelalterlicher österreichischer Kunst“ zu sehen, im unteren Schloss weiterhin das „Österreichische Barockmuseum“, im oberen Schloss die „Österreichische Galerie des XIX. und XX. Jahrhunderts“. Dass aber das Schloss auch in jüngerer Zeit nicht nur Museum und Ausstellungsraum ist, sondern auch weiterhin Ort glanzvoller Feste, beweisen mehrere derartige Anlässe, von denen einer besonders hervorzuheben ist: Die Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages erfolgte am 15. Mai 1955 im Marmorsaal des Belvederes. Abgesehen von diesem für die Geschicke Österreichs so wichtigen Ereignis, war das Schloss bis in die jüngste Vergangenheit Treffpunkt für Staatsmänner aus Ost und West, denken wir nur an die 1970 hier aufgenommenen Gespräche über eine Beschränkung der strategischen Rüstung oder das Außenministertreffen im Frühjahr 1980 anlässlich der Feiern zum 25jährigen Jubiläum des Österreichischen Staatsvertrages. Betrachten wir heute diesen Prunkbau, so steht nicht nur das Meisterwerk Hildebrandts vor unseren Augen, sondern ein Denkmal für 250 Jahre europäischer und österreichischer Geschichte.

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