Wirtschaftsentwicklung des Bezirks

Das Wirtschaftsleben der Landstraße lässt sich relativ weit zurückverfolgen. Wie im Mittelalter üblich, siedelten sich entlang des Wienflusses nur solche Berufsgruppen an, die das Wasser verwerten konnten. Daher finden wir hier unter anderem die sogenannten Steckenkleuber, die das vom Wasser angetriebene Holz zurichteten und zu Weinstökken, Schindeln und ähnlichem verarbeiteten. Selbstverständlich waren auch Wäscher, Bleicher, Flecksieder und Gerber hier tätig. Wie anderswo an Wasserläufen auch, entstanden hier einige Mühlen, die anfänglich reichen Bürgern, Adelspersonen und Klöstern gehörten, später aber bildeten deren Besitzer (wie die Fischer) eine eigene Zunft.

Donaukanal mit Sophienbrücke,
anonymes Aquarell um 1800

In Erdberg lebten vor allem Gärtner, Bauern, Fleischhauer und Schlächter, aber auch Weinbauern gab es in gar nicht so geringer Zahl. Auf andere Berufsgruppen weisen uns zum Teil noch Gassennamen hin, wie etwa die Tongasse oder die Sechskrügelgasse.
Ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor des Bezirks war der bereits seit dem frühen Mittelalter bestehende Viehmarkt am Ochsengries. Er wurde jeden Freitag mit hauptsächlich aus Ungarn eingetriebenem Schlachtvieh beliefert. Erfolgte die Meldung vom Eintrieb aus St. Marx, mußten die Obst- und Krämerstände in der Hauptstraße abgetragen werden, und die Haustore hatten geschlossen zu sein. Obwohl dieser Vieheintrieb jeweils von Dragonern bewacht wurde, kam es immer wieder zu Unfällen. Als der Wiener Neustädter Kanal errichtet wurde, verlor der Viehmarkt seinen Standort und übersiedelte nach St. Marx.

Wiener Neustädter Kanal mit „Thier-Arzney-Schule“, anonyme Lithographie aus dem 19.jhdt.

Schon in der Zeit vor 1700 finden wir die ersten Webereien, Seidenund Tuchfabriken in den Vorstädten. Eine gewisse Bedeutung erlangte schon bald nach seiner Gründung im 18. Jh. das Natorpsche Pharmazeutische Laboratorium am Rennweg beim Salesianerinnenkloster. Es erzeugte vor allem Heilmittel für die Armee und wurde später zum staatlichen Heilmittelwerk. Seit den frühen siebziger Jahren unseres Jahrhunderts befindet sich an dieser Stelle der Neubau „Shell Austria AG und Porr AG“.

Zuckerfabriken waren gleich drei auf der Landstraße entstanden. Eine befand sich ab 1792 im aufgelassenen Harrachschen Palais, eine zweite entstand 1796 in der Baumannstraße, und später wurde die dritte derartige Fabrik in der heute nicht mehr existierenden Zuckergasse errichtet. Wesentlich dazu beigetragen hat Nikolaus Jacquin, der Direktor des Botanischen Gartens, dem man die Zuckergewinnung aus Runkelrüben in Österreich zu verdanken hat. Bis zu Beginn des 19. Jh.s mußte man Zucker aus teurem indischen Rohrzucker gewinnen.

Wiener Neustädter Kanal mit „Thier-Arzney-Schule“, anonyme Lithographie aus dem 19.jhdt.
Eine über den Bezirk hinausreichende Bedeutung hatte auch die sogenannte Stuckbohrerei (Kanonenrohrerzeugung). Diese Fabrikationsstätte war von 1783 an bis zur Errichtung des Arsenals in der Beatrixgasse 14.
Mitte des vorigen Jahrhunderts übersiedelte die Zigarrenfabrik, die sich auf der Landstraßer Hauptstraße befunden hatte (noch früher in der Radetzkystraße), auf den, Rennweg. 1905 wurde die Fabrik nach Hainburg verlegt.
Von großer Bedeutung für das Wirtschaftsleben der Landstraße war naturgemäß der Zentralviehmarkt in St. Marx. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb in einem von der Gemeinde Wien (1968 begonnenen) Neubau weitergeführt. Die Belieferung erfolgte nun per Bahn in das Schlachthausgelände.

Gaswerk an der Erdberger Lände
Photographie vor 1900

Nach diesem Rückblick in die Vergangenheit wollen wir nun den heutigen Stand der Wirtschaft des dritten Bezirks betrachten. Der heutige Bezirk Landstraße liegt mit 7,3 km‘ an 13. Stelle unter den 23 Wiener Gemeindebezirken und verfügt laut Volkszählung von 1981 über eine Wohnbevölkerung von 85 447 Personen. Hierbei stehen 77 417 österreichischen Staatsbürgern etwas über 8 000 Nichtösterreicher gegenüber. Die Tatsache, daß auf einen Quadratkilometer im dritten Bezirk 11 641 Personen entfallen, reiht den Bezirk, was seine Bevölkerungsdichte anbelangt, in den Mittelbereich zwischen Margareten (25 579) und Donaustadt (974). Die Einwohnerzahl des Bezirks ist in den letzten Jahren stark rückläufig, noch 1961 lebten 114 795 Menschen hier, vor zehn Jahren waren es immerhin noch 101 936. Betrachten wir die Gesamtzahl der Beschäftigten aus der Wohnbevölkerung des Bezirks (Zahl von 1971) von 44 516, so stehen 44 376 Einpendlern (aus anderen Bezirken und außerhalb Wiens kommend) 27 259 Auspendler entgegen.

Die Zahl der Arbeitsbevölkerung (= Beschäftigte der Wohnbevölkerung plus Einpendler minus Auspendler) beträgt 61 633.
Bei den Arbeitsstätten, nach Wirtschaftsabteilungen und -klassen unterschieden, ergibt sich (Stand von 1973) folgendes Bild:

Verarbeitendes Gewerbe und Industrie . . . . . . . . . . ..847
Nahrungs- und Genussmittelerzeugung . . . . . .  . . . .151
Lebensmitteleinzelhändler, Gastgewerbe . . . . . .. . . . 133
Bekleidungsindustrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
Holzverarbeitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
Druckerei und Vervielfältigung . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . 68
Beherbergungs- und Gaststättenwesen . . . . . . . . . . . 229
Geld- und Kreditwesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . 369
Persönliche und öffentliche Dienste . . . . . . . . . . . . . . .849

Aus diesen Zahlen ersehen wir, daß heute viele Menschen im dritten Bezirk in Gewerbe und Industrie arbeiten, beherbergt doch die Landstraße bedeutende Niederlassungen etwa der Elektroindustrie: die Firma Siemens (seit 1879 in der Hainburger Straße), Philips (Dr. Bohr-Gasse) und Warchalowski (Petrusgasse) sind hier zu erwähnen. Relativ hoch ist auch die Zahl für die Nahrungs- und Genussmittelerzeugung. Auch hier sei nur stellvertretend etwa auf die beiden im Bezirk ansässigen Niederlassungen der Milchwirtschaft (Firma Trösch und MIAG) hingewiesen. Bedeutend für den Bezirk sind ferner auch die Staatsdruckerei, die mehreren hundert Menschen Arbeitsplätze gibt, die Waschmittelfabrik „Persil“ und die Vereinigten Wiener Metallwerke.
Von den im Jahr 1973 im Bezirk insgesamt befindlichen Arbeitsstätten (4 484) beschäftigten 2 095 Betriebe bis zu 4 Menschen; in immerhin 14 Betrieben finden sich mehr als 500 Beschäftigte. Diese Zahl reiht die Landstraße hinter dem 1. Bezirk an die zweite Stelle aller Wiener Bezirke. Auch bei der Gesamtzahl der Beschäftigten insgesamt liegt die Landstraße im Bereich Wien hinter dem ersten Bezirk an zweiter Stelle.
Selbstverständlich haben sich in diesem ehemals durch Gärten dominierten Bezirk die landwirtschaftlichen Betriebe durch Flächenvergebung in den letzten Jahren stark verringert. Allein 19 205 Personen sind heute auf der Landstraße in Gewerbe und Industrie tätig, der Handel beschäftigt (Zahlen von 1973) heute 9 068 Menschen. Dies verwundert nicht, denken wir nur an die große Zahl von Geschäften in der Landstraßer Hauptstraße, der Fasangasse und der Erdbergstraße. Der Nettoproduktionswert des Bezirks beträgt (Zahl von 1978 – in 1 000 Schilling) 4 837 574 Schilling, der Bruttoproduktionswert liegt bei 12 357 549 Schilling, davon 2 534 315 Schilling vom Großhandel und 447 033 Schilling vom Einzelhandel. Das dargelegte Bild erlaubt wohl die zusammenfassende Feststellung, daß sich die Landstraße immer mehr im Lauf der letzten Jahrzehnte zu einem Geschäfts- und Industriebezirk entwickelt.

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Landstraße – Geschichten und Anekdoten

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