Das k. k. privilegierte Hetztheater unter den Weißgerbern

Die Existenz dieses ehemaligen Hetztheaters wird als schwarzer Punkt in der Geschichte unserer Stadt gewertet. Fast 200 Jahre sind es her, seit dieses Hetzamphitheater auf der Landstraße nicht mehr existiert, nachdem es bei einem Brand vollkommen zerstört worden war. Tierhetzen waren den Wienern des beginnenden 18. Jh.s zumindest vom Hören bekannt gewesen, gab es doch in Graz, Preßburg oder Regensburg derartige Unternehmen. In Wien selbst existierte ab 1708 in der Leopoldstadt ein Hetztheater, welches später in den Gasthof „Zum schwarzen Adler“ verlegt wurde und mit Entstehen des k. k. Hetztheaters seine Funktion verloren hatte.
Schon 1735/36 entstand auf der Landstraße ein kleines derartiges Etablissement, es wurde jedoch schon 1743 wieder aufgelassen. Das k. k. privilegierte Hetzamphitheater unter den Weißgerbern aber war der größte Bau dieser Art, der jemals in Wien errichtet wurde, und das Unternehmen, nicht aber das Gebäude, bestand 41 Jahre auf demselben Platz. Das Hetztheater selbst stand auf dem Areal, das heute von dem Gebäudekomplex Hintere Zollamtstraße 13-Hetzgasse 2 (auch dieser Gassenname erinnert uns an die hier abgehaltenen Tierhetzen) eingenommen wird. Es stand also unmittelbar am Glacis, gegenüber dem Theater befand sich das östliche Ende des sogenannten Ochsenstandes, wie der Ochsenmarkt bezeichnet wurde, an dessen Stelle in der Zeit von 1840 bis 1844 das k. k. Hauptzollamt gebaut wurde. Eine Eintragung im Grundbuch besagt, daß ein gewisser Carl Defraine, „kays. königl. Theatral Dantzer“, ein Grundstück erwarb, „worauf das Hötz-Hauß stehet“.

Allerdings muß man darauf hinweisen, daß das Hetztheater im Lauf seiner Geschichte dreimal sein Aussehen veränderte, jedoch die Grundkonzeption im wesentlichen beibehalten wurde.

Wie sah nun dieses von Defraine 1755 errichtete Hetztheater wirklich aus? Neben Abbildungen helfen hier alte Beschreibungen weiter: Es war ein aus Holz errichtetes, drei Stockwerke hohes Amphitheater mit einem gemauerten Haupteingang. Das Theater hatte einen Fassungsraum von etwa 3 000 Zuschauern. Im Inneren befand sich der runde Hauptplatz, auf dem die Tiere gehetzt wurden, in dessen Mittelpunkt ein Wasserbassin. In der Mitte des ersten Stockes waren zwei geräumige Logen, diesen gegenüber der Platz für die Musiker, meist erklang türkische Musik. Das Amphitheater enthielt 20 Tierfallen, in denen Löwen, Tiger, Bären, Wölfe und Wildschweine gehalten wurden. Durch sechs Ausgänge konnte man die Tiere aus dem Vorführraum entlassen. Dem Theater angebaut war das Haus des Verwalters, der für die Sauberkeit und die Nahrung der Tiere zu sorgen hatte.

Der Durchmesser der Arena betrug 42 m, der des Bassins 4,5 m. In der Arena selbst waren einige sogenannte Steigbäume aufgestellt, etwa 13 m hoch, auf die die Akteure, Hetzknechte genannt, bei Gefahr kletterten. Leider haben wir keine genauen Angaben über den äußeren Durchmesser des Hetztheaters sowie über die Gesamthöhe des Gebäudes. Die bekannten Abbildungen zeigen bloß, daß es sich bei dem Dach des Rundgebäudes um ein Satteldach handelte, dessen der Arena zugekehrte Seite sehr schmal war.

Die Geschichte dieses für das Wiener Vergnügungsleben recht unrühmlichen Unternehmens begann mit der Erteilung eines Privilegs auf 12 Jahre an Carl Defraine vom 21. Februar 1755. Dieses Privileg wurde 1766 neuerlich erteilt. Dem Publikum wurde von März bis November ein grausames und brutales Spektakel geliefert: Die Vorstellungen begannen schon am frühen Nachmittag und endeten in der Regel noch vor Einbruch der Dunkelheit. Jeweils am Vortag wurde durch einen Umzug für die Veranstaltung geworben. Dabei ritt der Hetzmeister auf einem prächtig geschmückten Schimmel, ihm voran zwei Stadttrommler. Dahinter folgten meist sechs in gelbes Leder gekleidete Männer, welche die Ankündigungszettel für die Tierhetzen austeilten. Fast durch alle belebten Straßen der Stadt bewegte sich dieser Zug. Am Nachmittag eines Vorstellungstages begaben sich die Wachen ins Hetzhaus, um über die Ordnung zu wachen, und Militärtambours mit Pfeifern der Garnison besetzten den Balkon des Amphitheaters, auf dem dann eine ohrenbetäubende Musik begann, die bis zum Ende der Vorstellung andauerte. Gewöhnlich fing man die Vorführung mit Stieren an; zwei in rote Gewänder gehüllte Strohpuppen waren dazu da, die Aufmerksamkeit des freigelassenen Stieres zu erregen. Daraufhin wurden wilde Hunde in die Arena gelassen, die den wütenden Stier attackieren sollten. Diese Tiere – die Hauptrolle spielten oft auch Bären – wurden nicht nur von Hetzhunden, sondern auch von Menschen gejagt. Sehr häufig gab dies unter dem Publikum Anlaß zu Wettabschlüssen auf den mutmaßlichen Sieger.

Der Besitzer des Hetztheaters, Carl Defraine, konnte sich nicht lange seiner vom Kaiser verlängerten Konzession erfreuen. Er starb 1768, nur 41 Jahre alt, in seinem Haus im Hetztheater. Seiner Witwe überließ man das Privileg nicht, nach dem Tode Defrains übergab man das von ihm erbaute Hetztheater der Theatral-Direktion. Das bedeutete, daß das Hetztheater als drittes neben dem Hofburgtheater und dem Theater nächst dem Kärntnertore unter der Verwaltung der „k. k. Obersten Theatral-Direktion“ stand. In den nächsten Jahren seines Bestandes wurde das Etablissement von einigen Pächtern geführt, zunächst vom damaligen Pächter der beiden Hoftheater, Giuseppe d’Affligio. Unter den Hetzpächtern sind die bekanntesten Namen: Franz Schrey, Martin Augustin Pechtl, Ferdinand Hödl und Mathias Stadelmann. Hödl und Stadlmann waren lange Zeit selbst Hetzmeister.

Neben den grausamen Tierhetzen gab es vereinzelt auch Darbietungen von Kunstreitern und Seiltänzern, unter denen sich namhafte Vertreter der damaligen Zirkuskunst befanden. So trat 1776 der englische Reiter Simson in Wien auf. In seinem Programm wurden 22 Nummern ausführlich beschrieben, die der Reitkünstler vorführte: Simson stand z. B. auf dem galoppierenden Pferd auf dem Kopf, hob vom Pferd aus 100 Pfund auf, sprang, auf dem Pferd stehend, über drei Fuß hoch in die Höhe . . . Auch der berühmte spanische Bereiter Peter Mahyeu trat 1786 im Hetztheater auf. Das Ende des Hetztheaters kam ganz überraschend am 1. September 1796. Die „Wiener Zeitung“ vom 3. September 1796 schrieb darüber: „Des Abends, nach 8 Uhr, brach in dem Hetz-Amphitheater, unter den Weißgärbern, im Heustadl, ein heftiges Feuer aus, das in diesem ganz von Holz erbauten Gebäude schnell um sich griff, und es in Zeit von wenigen Stunden bis auf den Grund abbrannte. Bey der gänzlichen Windstille, und den eilig herbeygekommenen, sehr zweckmäßigen und wirksamen Anstalten, war man so glücklich, alle nebenstehenden Häuser, Gärten, Magazine und Holzvorräthe vollkommen zu retten, und ist dabey kein Mensch zu Schaden gekommen. Aber in dem Hetzgebäude ist alles von der heftigen Flamme verzehrt worden. Bloß einige Hunde und der Auerstier wurden gerettet und in Sicherheit gebracht! Alle übrigen zahlreichen und kostbaren Thiere, 2 Löwen, 1 Panther, mehrere Bären, Wildschweine, Ochsen etc. kamen,.unter entsetzlichem Gebrülle, in der Flamme um. Nach 12 Uhr war diese gelöscht, und nach und nach ward auch das Kohlfeuer gedämpft.“ Der Wert der umgekommenen Tiere belief sich auf etwa 24 000 Gulden. Kaiser Franz erschien persönlich auf der Brandstätte und soll gesagt haben: „Neu erbaut soll die Hetze nicht werden, sie bot für mich immer ein Schauspiel, das mich anwiderte und von dem ich nie begriff, wie denn meine Wiener es mit Vergnügen sehen konnten“. Der Kaiser blieb bei seinem Wort. Erst 1828 wurde auf dem Areal ein Haus „Zum schwarzen Rössel“ erbaut, 1853 wurde dort der „k. k. Poststadel“ errichtet, der 1900 dem Gebäude der k. k. Post- und Telegraphendirektion Platz machte. Heute ist das nach schweren Bombenschäden wiederaufgebaute Gebäude im Besitz der Bundesgebäudedirektion. Fast niemand, der dort vorbeigeht, weiß heute, was sich dort jahrzehntelang abspielte.

Eine Wiener Redensart ist das einzige, was daran noch erinnert:
Das war eine Hetz!

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