Bürgertheater

Schauspieler und Schriftsteller Oskar Fronz

Der am 13. November 1861 in Wien geborene Schauspieler und Schriftsteller Oskar Fronz, der 1884 an das Carltheater, später an das Theater an der Wien und das Deutsche Volkstheater gekommen war, gab den eigentlichen Anstoß zur Gründung dieses Theaters. Nachdem er sich die Zustimmung und prinzipielle Einwilligung zum Theaterbau von Bürgermeister Dr. Karl Lueger geholt hatte, begann man am 29. März 1905, die Baulinien abzustecken; das Theater wurde noch im selben Jahr fertiggestellt. Das Bürgertheater (Vordere Zollamtsstraße 13) wurde nach Plänen der Architekten Krauß und Tölk erbaut.

Bürgertheater, Photographie um 1940

Das Theatergebäude bedeckte eine Fläche von 1592 m2. Die Hauptfassade, gegen den Wienfluß gerichtet, war segmentförmig gekrümmt. Der fünfachsige Mittelrisalit entsprach der Breite des Vestibüls. Die Hauptfassade des Hauses zeigte drei Reliefs von Elena Luksch-Makowsky, in farbig glasiertem Steinzeug ausgeführt, und zwei Kolossalfiguren vom Bildhauer Leiseck. Die innere Einteilung des Theaters glich etwa dem Typus des heute noch existierenden Volkstheaters. Der Zuschauerraum hatte eine Breite von 18 m und an der höchsten Stelle eine Höhe von 15 m, er faßte 1 238 Personen (Parterre, zwei Ränge und Stehplätze).

Am 4. Dezember 1905 hielt der erste Direktor, Oskar Fronz, die erste Bühnenprobe zum Eröffnungsstück „Der alte Herr“ ab. Am 6. Dezember 1905 kam es zur Generalprobe in Anwesenheit geladener Gäste, unter ihnen die Schauspieler Katharina Schratt und Adolf von Sonnenthal. Richard Fronz, ein Bruder des Direktors und Schüler Bruckners und Hellmesbergers, dirigierte die Rosamunden-Ouvertüre.

Das Stück selbst, „Der alte Herr“, stammte von Beatrice Dovsky und wurde von der Kritik nicht sonderlich gut aufgenommen. Trotzdem begann mit der offiziellen Eröffnungsvorstellung am 7. Dezember 1905, bei der unter anderem Bürgermeister Lueger und Statthalter Graf Kielmansegg anwesend waren, das Bürgertheater seine Tätigkeit, die bald ein fester Bestandteil des Wiener Theaterlebens werden sollte. Wenn wir die weitere Entwicklung dieser Bühne verfolgen, so treffen wir auf so manchen Theaterhöhepunkt. In der zweiten Saison, 1906, wurden „Die Schuldigen“ von Friedrich Gustav Triesch aufgeführt, wobei Burgtheatergrößen wie Sonnenthal, Kallina, Paulsen, Gregori und Wittels mitwirkten. Vom Burgtheaterdirektor Max Burckhardt stammte das Wiener Volksstück „’s Katherl“. Im Februar 1907 spielte in diesem Stück die berühmte Volksschauspielerin Hansi Niese und hatte einen großartigen Erfolg. Auch das Erfolgsstück „Die Katakomben“ von Gustav Davis, der weiterhin für das Repertoire des Bürgertheaters bedeutsam blieb, gelangte in diesem Jahr zur Aufführung. Immer wieder kamen Stücke zur Aufführung – z. B. „Gretchen“ von Davis -, die den Unmut der Kritiker und teilweise auch der Bevölkerung hervorriefen. Die „Reichspost“ schrieb zu diesem Stück in ihrer Ausgabe vom 18. Oktober 1907: „Eine Unmöglichkeit löste die andere ab, eine Ungeheuerlichkeit folgt der anderen. Was edlen Menschenseelen heilig ist, wird lächerlich gemacht . . . Es ist wirklich grotesk, wie man in einem Bürgertheater so etwas zu bieten wagt. Für Bürger ist diese Kost nicht, Herr Direktor Fronz, taufen Sie das Bürgertheater in ,Halbweltbühne` um oder wie Sie wollen, nur nicht Bürgertheater darf dieser entheiligte Musentempel heißen, nur nicht Bürgertheater.“ Das Bürgertheater war durch diese „frivole Welle“ etwas in Verruf gekommen. Es waren vor allem die Stücke „Die blaue Maus“ und „Tal des Lebens“, die Kritik hervorriefen. Dazwischen aber gab es immer wieder einhellig akzeptierte Theaterhöhepunkte – so am 5. April 1909, als Alexander Girardi als Schuster Weigl in L’Arronges „Mein Leopold“ auftrat.

Eine Wende für das Bürgertheater kam mit dem Jahr 1910. Der Betrieb war etwas ins Stocken geraten, man führte Stücke aus der ältesten Lade auf, nichts Bedeutendes war weit und breit in Aussicht. Da kam man von seiten der Theaterdirektion auf die Idee, auf Operettenbetrieb überzugehen. Eysler hatte mit „Bruder Straubinger“ 1903 großen Erfolg gehabt, Lehar 1905 mit der „Lustigen Witwe“, Oskar Straus 1907 mit dem „Walzertraum“. Diese Idee brachte den Wandel von der Sprechbühne zu einer der großen Wiener Operettenbühnen. Und so komponierte Edmund Eysler seine Operette „Der unsterbliche Lump“ für das Wiener Bürgertheater. Am 14. Oktober 1910 fand die Erstaufführung statt. Der Erfolg war überwältigend. Die Pressestimmen meinten, diese Operette von Eysler signalisiere den Wechsel des Genres. Die Musik des Komponisten wurde gelobt, die solide Instrumentation und die einfache Harmonisierung wurden hervorgehoben. Das Ensemble kam eben falls mit besten Kritiken weg. Sicherlich trug dieser große Erfolg dazu bei, daß Eysler „Hauskomponist“ des Bürgertheaters bleiben sollte. Am 23. Dezember 1911 gab man seine neueste Operette „Der Frauenfresser“, auch ihr war großer Erfolg beschieden. Im März 1913 folgte die Uraufführung des Werks „Der lachende Ehemann“; von der Kritik äußerst positiv aufgenommen wurden vor allem die einprägsamen, anspruchslosen Melodien. Bis zum Jahr 1921 erlebte dieses Eysler-Werk 1 793 Aufführungen! Auch in den Jahren des Ersten Weltkriegs brachte man im Bürgertheater in gewohnter Weise pro Saison mehrere Operetten heraus. An dieser Stelle seien genannt: „Frühling am Rhein“ von Eysler, „Drei Musterweibchen“ von Franz Werthner, „Die – oder Keine!“, ebenfalls von Eysler, sowie „Liebeszauber“ von Oskar Straus. Mitten in der bewegten Zeit des Ersten Weltkriegs (am 14. November 1918) brachte man im Bürgertheater eine Detektiv-Operette von Eysler zur Aufführung: „Der dunkle Schatz“.

Auch in der jungen Republik spielte das Bürgertheater viele neue, unbekannte Werke, daneben immer wieder auch „Klassiker“ der Operette. In der Leitung des Theaters scheinen ab Oktober 1924 erstmals Oskar Fronz junior und Siegfried Geyer auf. Während der Spielzeit 1923/24 brachte man Robert Stolz‘ Operette „Mädi“, zu der Alfred Grünwald und Leo Stein den Text geliefert hatten, auf die Bühne. Sogar der italienische Opernkomponist Pietro Mascagni versuchte sich als Operettenschreiber und vertonte ein Libretto von Lombardo und Franci. Das Werk hatte den Titel „Ja“, der Name eines Mädchens aus den Folies Bergeres. Die Operette wurde am 24. Jänner 1925 aufgeführt, der Komponist Mascagni stand am Dirigentenpult des Bürgertheaters! Wenige Tage danach, am 29. März 1925, starb Oskar Fronz in seiner Hietzinger Villa. Er hatte fast zwei Jahrzehnte lang das Bürgertheater geleitet.

Eine neue Ära brach mit dem Jahr 1926 an: die Zeit der Revueoperette. In 18 Bildern ließen Karl Farkas und Fritz Grünbaum mit der Musik von Egon Neumann im „Journal der Liebe“ schöne Girls ihre Beine zeigen, Rita Georg in einer Hosenrolle paradieren. Farkas selbst sang, tanzte und erzählte schon damals in seiner charmanten Weise Witze – dies alles zur höchsten Freude des Publikums. Ganz in dieses Schema paßte auch das am 1. Oktober 1927 beginnende Gastspiel der Marischka-Revue. Es wurde zum 430. Mal „Wien lacht wieder“ aufgeführt. In dreißig Bildern führten Karl Farkas und Fritz Grünbaum, Musik von Ralph Benatzky, die vorjährige Schlagerrevue vor, die nichts an Popularität eingebüßt hatte. Dabei gab es nicht weniger als 120 Mitwirkende und 900 Kostüme. Die Zeit der „Alleinherrschaft“ der Operette war vorbei. Die Revue und mit ihr der Jazz hatten die Nachfolge angetreten. In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs war das Bürgertheater nicht immer in Betrieb.

Nach einem längeren Intervall wurde das Haus im April 1942 wieder eröffnet. Am 13. September 1945 stellte sich Franz Stoß als neuer Direktor des Hauses vor. Seinen Einstand hatte Stoß mit dem Pariser Volksstück „Im sechsten Stock“ von Alfred Gehri. Das in diesem Stück eingesetzte hervorragende Ensemble stammte zum größten Teil aus dem Theater in der Josefstadt. Das Bürgertheater sollte unter Stoß sozusagen eine volkstümliche Zweigstelle der Josefstadt werden. Schon auf den Theaterzetteln des ersten Direktionsjahres fand man berühmte Namen – Annie Rosar, Guido Wieland, Gusti Wolf, Anton Gaugl. Der neue Direktor wollte sein besonderes Augenmerk auf das Volksstück richten. Interessant ist die Darstellung, die der neue Direktor in einem Programmheft zu einer Wiener Posse von Hans Müller mit dem Titel „Morgen geht’s besser“ gibt, in der er sich mit der Stellung des Bürgertheaters auseinandersetzt. Stoß schrieb unter anderem: „Es war dem Haus nicht vergönnt, irgendein nur ihm eigenes Gesicht zu erhalten und zu bewahren. Als ich im Vorjahr die Direktion des Theaters übernehmen durfte, da beabsichtigte ich, aus dem Wiener Bürgertheater das Haus der heiteren volkstümlichen Stücke mit Musik aller Zeiten und Länder zu machen . . . Meine Hoffnungen auf eine rege, durch die bloße Existenz eines volkstümlichen Theaters angeregte, literarische Betätigung erfüllten sich nur zum Teil . . . Das Wiener Bürgertheater wird also in der Saison 1946/47 zwei Autoren, die aber gleichzeitig als Schauspieler und Regisseure an der Verwirklichung ihrer Stücke mitarbeiten, als solche Hausdichter fest verpflichten: Martin Costa und Kurt Nachmann.“ Es folgten Stücke wie „Valnocha der Koch“ oder „Der alte Sünder“ (Musik von Hans Lang) von Martin Costa. Einen der letzten großen Theatererfolge erlebte das Bürgertheater mit der „Walzerkönigin“, einer Operette von Hubert Marischka, Musik von Ludwig Schmidseder. „Hochzeitsnacht im Paradies“ oder „Feuerwerk“ brachten immerhin so prominente Darsteller wie Fritz Imhoff, Heinz Conrads, Maria Eis, Waltraud Haas oder Harry Fuß auf die Bühne des Bürgertheaters. Aus dem versprochenen Volksstückrepertoire war allerdings nicht allzu viel geworden. Einen letzten Versuch startete im Dezember 1953 Harald Röbbeling, der das Bürgertheater nun unter dem hochtrabenden Namen „Broadwaybühne“ präsentierte und Shakespeares „Romeo und Julia“ aufführte. Das Stück fiel vollkommen durch, der neue Direktor blieb nur 6 Tage in Amt und Würden. Nach dem Debakel bei der Premiere am 27. Dezember stellte sich bereits zwei Tage später der Exekutor ein.

Das aufgelassene Bürgertheater diente in den fünfziger Jahren als Studio des Senders Rot-Weiß-Rot, für die „Österreichische Spielwarenschau“ und als „Haus der Jugend“. Schließlich wurde das Gebäude an die Zentralsparkasse der Gemeinde Wien verkauft, die das Areal zur Errichtung ihrer Hauptanstalt gewählt hatte.

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