Musiker

Einer der ganz Großen der Musikgeschichte, Wolfgang Amadeus Mozart, hatte im Laufe seines Lebens immer wieder Kontakte zur Landstraße. Die Beziehung Mozarts zum dritten Bezirk reicht von den ersten Erfolgen des Wunderkindes bis zum tragischen Tod und der letzten Ruhestätte auf dem St. Marxer Friedhof. Das Kind Mozart hatte im Jahr 1767 bereits mehrere Reisen hinter sich. Im September 1767 brach die Familie Mozart wiederum zu einer Reise nach Wien auf. Hier lernte der Knabe zwei Männer kennen, deren Namen ebenfalls sehr eng mit dem dritten Bezirk verbunden sind: Franz Anton Mesmer und Ignaz Parhamer, beide Freunde der Familie Mozart. Durch sie kam der junge Meister in enge Verbindung mit dem ehemaligen Vorort Landstraße.
Franz Anton Mesmer hatte 1768 die Witwe Anna Maria Bosch geheiratet und wurde dadurch Mitbesitzer eines schönen Hauses mit einem großen Garten auf der Landstraße. Dieses in der heutigen Rasumofskygasse 29 gelegene Haus war ein (bis 1900 erhalten gebliebener) Barockbau mit Mansardendach und prächtigem Portal, 1919 wurde ein Neubau an seiner Stelle errichtet. Dieser Mesmersche Besitz ist es, auf dem im Jahr 1768 Mozarts Jugendoper „Bastien und Bastienne“ zum erstenmal aufgeführt wurde. Vater Mozart beschreibt in einem Brief an seine Frau das Milieu des Hauses Mesmer: „Wir werden auf der Landstrasze Euer grosze Gesundheit trinken. Es ist alles wohl und lustig. Herr von Mesmer, wo wir am Montag speisten, spielte uns auf der Harmonica oder dem Glas Instrument der Miss Devis und recht gut! Es hat ihm das Instrument bey 50 Ducaten gekostet, denn es ist recht schön gemacht. Der Garten ist unvergleichlich mit prospecten und Statuen, Theater, Vogelhausz, Taubenschlag und in der Höhe ein Belvedere in den Brader hinüber. Wir speisten Samstag abends schon da, auch Montag abend.“ Für manchen Ärger und Enttäuschungen, so etwa für die nicht zustandegekommene Aufführung der Oper „La finta semplice“, wurde der junge Komponist im Jahr 1768 jedoch insofern entschädigt, als zu diesem Zeitpunkt seine „Waisenhausmesse“ (KV 139) und ein Offertorium (KV 117) aufgeführt wurden.

Eines späteren, wenn auch kurzen, so doch bedeutsamen Besuchs Mozarts auf der Landstraße soll als nächstes gedacht werden. Am 24. April 1787 übersiedelte Mozart aus seiner großen Wohnung in der Schulerstraße in das Haus Landstraßer Hauptstraße 75-77. Heute erinnert eine Gedenktafel der Bildhauerin Margarete Hanusch daran. Die Gedenktafel wurde am 26. Juni 1957 im Foyer des Hauses enthüllt. Mozart hat in der Schulerstraße wohl die glücklichste Zeit in Wien verlebt, er tauschte aber aus finanziellen Gründen die beiden Wohnungen. Hierher nahm er auch einen kleinen Schüler mit, der seit Anfang 1786 bei ihm wohnte und wie ein Kind im Haus gehalten wurde: Johann Nepomuk Hummel. Dieser Mozart-Schüler erreichte später ein hohes Ansehen, war einer der führenden Pianisten in Europa, trat aber auch als Komponist in Erscheinung. Von der Übersiedlung auf die Landstraße berichtet Vater Mozart in einem Schreiben an seine Tochter: „Dein Bruder wohnt itzt auf der Landstrasze Nr. 224. Er schreibt mir aber keine Ursache dazu. Gar nichts. Das mag ich leider erraten.“ Auf der Landstraße erfuhr Mozart auch die Nachricht vom Tode seines Vaters. Zwei Briefe des Komponisten, der eine an seinen Freund Gottfried von Jacquin, der andere an seine Schwester, beide mit „Landstrasze“ datiert, beschäftigen sich mit diesem traurigen Ereignis. Während Mozarts Aufenthalt auf der Landstraße scheinen seine Beziehungen zu der am Rennweg wohnenden Familie Jacquin, besonders zu Gottlieb, Franziska und Franz von Jacquin, sehr rege gewesen zu sein.
In diesem Zusammenhang muß man sich noch eines anderen, nicht musikalischen, aber doch mit dem Namen Mozart verbundenen „Denkmals“ erinnern. Es ist dies die sogenannte „Mozart-Platane“ am Rennweg. Ein Baum, der schon zu Lebzeiten Mozarts bestand und der vor dem Botanischen Garten zu finden ist. Es ist eine riesige Platane mit einem Umfang von fünf Metern, die das Straßenbild des Rennwegs reizvoll belebt und bereits seit Jahrzehnten unter Naturschutz steht. Unter diesem Baum, so berichtet jedenfalls die Überlieferung, soll Mozart häufig geweilt haben. Als Hauslehrer beim Direktor des Botanischen Gartens, Freiherrn von Jacquin d. Ä., besuchte er regelmäßig dessen Haus.
Es ist bekannt, daß Mozart im Garten des Landstraßer Hauses, in dessen Gartentrakt er wohnte, seinen Star, den er am 27. Mai 1784 um 34 Kreuzer gekauft hatte, begrub und ihm hier ein heiter-trauriges Gedicht widmete. Weniger bekannt ist hingegen, daß eine Zeile daraus („Schenke auch du ein Thränchen ihm“) wörtlich in dem Lied „Abendempfindung an Laura“, KV 523 (wobei man heute gerne die Widmung „An Laura“ wegläßt) wiederzufinden ist, ein Beweis, daß sich Mozart schon Anfang Juni mit dem Text vertraut gemacht hatte, den er am 24. Juni vertonte.

Besonders zwei Werke sind es, die zu einem beträchtlichen Teil im Landstraßer Quartier entstanden sind. Mitten in der Arbeit zu „Don Giovanni“ entstand eines seiner beliebtesten Instrumentalwerke, die Serenade „Eine kleine Nachtmusik“. Das eigene Werkverzeichnis Mozarts umfaßt während des Aufenthaltes im Hause auf der Landstraße elf Nummern. Im Jahr 1791 trat das wohl größte österreichische Musikgenie seinen letzten Weg an, der ihn, diesmal für immer, auf das Gebiet des heutigen Bezirkes Landstraße führte, auf den St. Marxer Friedhof (siehe S. 101). Sei es die Grazie des Jugendwerkes „Bastien und Bastienne“, sei es der feierliche Ernst der „Waisenhausmesse“ oder die Strahlkraft der „Abendempfindung“ – Mozart hat durch sein Leben und Schaffen dem Vorort Landstraße eine beachtenswerte kulturgeschichtliche Bedeutung verliehen.
Ein anderer Großer der Musikwelt, für kurze Zeit Schüler Mozarts, besuchte auch öfters die Landstraße und wohnte fallweise in diesem Bezirk. Wie bei kaum einem anderen prominenten Bewohner unserer Stadt ist gerade für ihn das Wohnungswechseln fast sprichwörtlich geworden: Ludwig van Beethoven. Es gibt einige Adressen auf der Landstraße, die mit seinem Namen verbunden sind. Eine dieser Stätten ist das Haus Gärtnergasse 5. Eine Passage aus einem Brief Beethovens an Nanette Streicher vom 20. Juli 1817 gibt uns darüber Auskunft. Beethoven schreibt: „Wegen der Wohnung wäre es auch Zeit, in der Gärtnergasse gibt es auch auf der gegenüberliegenden Seite Wohnungen, wo man wirklich eine außerordentlich schöne Aussicht genießen würde.“ Am 25. September 1817 heißt es schließlich in einem anderen Brief: „Die Wohnung in der Gärtnerstraße könnte ich noch aufsagen wenn mathematisch berechnet wäre, wie lange beide Wege von der Stadt aus – was meinen Sie?“ Angesichts dieser eindeutigen Dokumente scheint es verwunderlich, daß Beethovens Aufenthalt in der Gärtnergasse in vielen Publikationen erst für 1818 vermutet wird. Jedenfalls wurde eindeutig festgestellt, daß die Wohnung Gärtnergasse die erste im Vorort Landstraße war und die auf der Landstraße Nr. 268 (heute Landstraßer Hauptstraße Nr. 26) die zweite. Sie dürfte Beethoven von Giannatasio del Rio vermittelt worden sein. Die Verbindung zu diesem hing mit Beethovens Neffen Karl zusammen. Denn am z. Februar 1816 wurde Karl Beethoven in die Erziehungsanstalt im sogenannten „Paul Wildburg’schen Haus“ des Kajetan Giannatasio del Rio gebracht (Landstraße Nr. 426, heute Reisnerstraße 3). Das Institut wurde später im „Reisnerhof“ untergebracht. In diesem 1837 erbauten Gebäude finden wir del Rio seit 1817 als Mieter. Fanny del Rio berichtet über Beethoven in ihren Erinnerungen: „Es war im Jahre 1816, da kam er zum erstenmal in unser Haus, um seinen geliebten Karl in das Institut zu geben, welches mein Vater schon seit dem Jahre 1798 errichtet hatte. Dieses Begebnis war für die Töchter besonders erfreulich, und ich sehe noch, wie Beethoven mit Beweglichkeit sich hin und her drehte und wie wir, auf seine dolmetschende Begleitung, Herrn Bernard, später Redakteur der ,Wiener Zeitung`, nicht achtend, uns gleich zu Beethovens Ohr wandten; denn schon damals mußte man ihm ganz nahe sein, um sich ihm verständlich machen zu können. Von dieser Zeit an hatten wir das Vergnügen ihn oft zu sehen, und später, als mein Vater mit dem Institut in die Vorstadt zog, Landstraß-Glacis, nahm auch er sich eine Wohnung in der Nähe, und den nächsten Winter war er fast alle Abende in unserem häuslichen Kreis . . .“ Wie wir wissen, blieb Beethovens Neffe bis 1819 in diesem Heim, dann wurde er im Blöchlingerschen Institut in der josefstadt einquartiert. Del Rios Töchter waren übrigens ausgezeichnete Sängerinnen. Sie bildeten den Mittelpunkt eines musikalischen Kreises, in dem neben Beethoven auch noch Grillparzer, Kathi Fröhlich, Bauernfeld, Castelli und Schubert verkehrten. Eines dieser musikalischen Ereignisse verdient festgehalten zu werden. Am 6. Februar 1819 vermählte sich Giannatasio del Rios Tochter Nannette mit dem Professor der Philosophie an der Universität, Leopold Schmerling. Die Tochter der beiden, Frau Anna Pessiak-Schmerling, hat später einmal erzählt, daß die von der Trauung ihrer Eltern Heimkehrenden „eine schöne Männerstimme sowie ein Männerquartett mit Clavierbegleitung hörten. Es war ein Hochzeitslied, das Beethoven zu dieser Gelegenheit komponiert hatte. Die Mitwirkenden wie auch Beethoven selbst waren in einer Ecke des Zimmers versteckt hinter einem Paravent“. Der Ort, an dem dieses Gelegenheitswerk Beethovens, das Hochzeitslied für Tenor mit Chor und Klavierbegleitung (WOO 105), zum erstenmal erklang, war auch das erwähnte Haus von del Rios Erziehungsheim in der Reisnerstraße 3.

Neben der Adresse in der Gärtnergasse ist für diesen Lebensabschnitt des Meisters noch eine andere Wohnadresse auf der Landstraße anzuführen, das Haus Landstraßer Hauptstraße 26 (alt Nr. 268). Wie so oft, können wir auch in diesem Falle nur über Briefe und Notizen ein ungefähres Datum des Aufenthaltes angeben. Februar 1817 schreibt Beethoven an seinen Freund Zmeskall: „Meine Wohnung Landstraße Nr. 268, z. Stock.“ Aus einem anderen von Herbst 1817 stammenden, allerdings undatierten Brief an Karl Pachler entnehmen wir, daß der Komponist „vielleicht noch morgen oder übermorgen hier auf der Landstraße Nr. 268 ist“. Wenn auch der Aufenthalt hier nur kurz war, wie so oft in Beethovens ruhelosem Umherwandern, ist die Stätte doch als musikhistorisch bedeutend hervorgehoben, eine Tatsache, der man von seiten des Landstraßer Heimatmuseums im Jahr 1951 entsprach, indem man eine Gedenktafel am Hause Landstraßer Hauptstraße 26 anbrachte. Einige Jahre später finden wir Beethoven wiederum in einem Landstraßer Quartier, nicht allzuweit entfernt von seinem vorigen. Der Ort seines Aufenthaltes ist nun das sogenannte „Große Haus der Augustiner“. In einem Zubau zu dem 1812 aufgehobenen Kloster der Augustiner auf der Landstraße (heute Landstraßer Hauptstraße 60 – Ecke Rochusgasse 2) lebte Beethoven vom Frühjahr 1821 bis etwa Sommer 1822. Unmittelbar nach einem Schreiben an Franz Brentano, welches das Datum 19. Mai 1822 trägt, muß Beethoven, wie aus den Konversationsheften hervorgeht, aus dieser Wohnung wieder ausgezogen sein. Hier in seiner Landstraßer Wohnung erhielt er im März oder April 1822 den Besuch eines anderen großen Tonkünstlers: Der Komponist Rossini weilte zu dieser Zeit in Wien. Aus der Übersetzung eines Schreibens Rossinis an Eduard Hanslick wissen wir, daß das Zusammentreffen der beiden Komponisten nicht gerade glücklich verlief. Rossini schreibt: „Ich ließ mich durch Carpani, den italienischen Dichter, bei Beethoven einführen, und dieser empfing uns sofort und sehr artig. Freilich währte der Besuch nicht lange, denn die Konversation mit Beethoven war geradezu peinlich. Er hörte an dem Tage besonders schlecht und verstand mich nicht trotz des lautesten Sprechens; obendrein mag seine geringe Übung im Italienischen ihm das Gespräch noch erschwert zu haben . . .“ Neben einigen Variationen über das Thema von Diabelli op. 120 schuf Beethoven in diesem Quartier im ehemaligen Augustinerhaus noch die zwei letzten Klaviersonaten op. 110 und op. 111, deren Reinschrift am Weihnachtstag 1821 begonnen wurde. Wiederum zog der Komponist für einige Zeit von der Landstraße fort. Schon im Sommer 1823 hatte sich Beethoven in Baden, wo er die Sommermonate verbrachte, um ein neues Winterquartier umgesehen. An Anton Schindler schrieb er diesbezüglich im August dieses Jahres: „Die Haushälterin wird ihnen von wegen einer Wohnung sagen auf der Landstraße. Es ist die höchste Zeit, sobald sie was wissen auf der Bastey oder Landstraße, so muß es gleich angezahlt werden . . .“ Bei dieser neuen Wohnung handelte es sich um ein Quartier im Hause Ungargasse 5 (alt Nr. 323) – Beatrixgasse B. Zu Beethovens Zeit befand sich das Objekt an der Ecke zur damaligen Bockgasse, die heute mit dem unteren Teil der Beatrixgasse identisch ist. Ein im Haus befindliches Wirtshaus war das Lokal der Wiener Senftenträger. Eine im Jahr 1924 vom Schubertbund gestiftete Relieftafel an der Fassade der Ungargasse erinnert uns heute an den berühmten Bewohner. Im entsprechenden Konskriptionsbogen des Hauses ist Beethoven für die Zeit 1823/24 als Bewohner der Wohnung Tür Nr. 25 angegeben, außerdem scheint auch sein Neffe Karl als Mitbewohner auf. In dieser Wohnung erhielt Beethoven einen Besuch von Franz Grillparzer. Gerhard Breuning berichtet über sein Zusammentreffen mit Beethoven in der Ungargasse folgendes: „Er stand am Klavier und hielt die Hände auf den Tasten. Als er mich sah, schlug er lachend mit beiden Händen auf die Tasten und ging vom Klavier weg. Wahrscheinlich wollte er mir damit anzeigen: ,Du meinst wohl, ich würde Dir etwas vorspielen, aber ich tue es nicht‘. Ich bat ihn auch nicht!“ Musikgeschichtlich ist diese Landstraßer Wohnung in der Ungargasse vielleicht die wichtigste. War es doch hier, wo Beethoven seine Neunte Symphonie vollendete, die Anfang 1824 bereits in Skizzen fertiggestellt war. Aber auch die sechs „Klavier-Bagatellen“ op. 126 sind während der Zeit in der Ungargasse entstanden.

Wenn wir an dieser Stelle von den Größen der Musik sprechen, die engere Beziehungen zum Bezirk Landstraße hatten, dürfen wir nicht ein bodenständiges Genie vergessen, das zu seinen Lebzeiten sicherlich weit weniger bekannt war als Mozart und Beethoven, dessen nachweisbare Anwesenheit auf der Landstraße aber kaum weniger ehrend für den Bezirk ist: Franz Schubert. Das Haus Erdbergstraße 17 wurde während des Zweiten Weltkriegs durch Bombentreffer schwer beschädigt. Dabei wurde auch jener turmartige Teil des Hauses in Mitleidenschaft gezogen, in dem der junge Schubert bei seinem Aufenthalt in der Vorstadt Erdberg im Jahr 1816 untergebracht war; nach dem Krieg wurde es aber wieder instandgesetzt. Als Beweis, daß Schubert in diesem Hause nicht nur verkehrte, sondern selbst wohnte, kann der Schluß eines teilweise erhaltenen Manuskriptes der 6 Ecossaisen für Klavier, D 421, herangezogen werden, auf dem steht: „Als Arrestant in meinem Zimmer in Erdberg componirt, Mai 1816“. Otto Erich Deutsch, der bekannte Schubertforscher, vermutet, daß sich die Zimmer Schuberts und seiner Freunde im östlichen Hofflügel, im zweiten Stock des turmartigen Aufbaues befanden.

Für Schubert selbst dürfte gerade dieser Aufenthalt eine Art Meilenstein in seinem Leben dargestellt haben. In seinem Tagebuch lesen wir nämlich folgende Eintragung: „An diesem Tage componirte ich das erste Mal für Geld. Nämlich eine Kantate für die Nahmensfeyer des Hn. Professors Wattrot von Dräxler. Das Honorar ist 100 fl. Wiener Währung.“ Dabei handelt es sich um die Kantate „Prometheus“, D 451, die von Schülern des Professors für dessen Namenstag bestellt wurde. Aus Berichten von Schuberts Freund Leopold Sonnleithner wissen wir, daß die Aufführung allerdings wegen schlechten Wetters mehrmals verschoben werden mußte und erst am 24. Juli 1816 stattfand. Schubert dirigierte dabei selbst. Die Aufführung von „Prometheus“ konnte man als gelungen bezeichnen, Schuberts Musik machte großen Eindruck. Sonnleithner berichtet weiters in seinen Erinnerungen, daß in der Folge niemand es wagen wollte, das Werk eines jugendlichen und noch nicht anerkannten „Tonsetzers“ öffentlich aufzuführen. Dies ist umsomehr schade, da die Schubert-Kantate schon zur Zeit von Schuberts Tod als verloren galt.
Der Begriff der „Schubertiade“ ist heute weltweit bekannt. Bei diesen geistvoll-fröhlichen Zusammenkünften, in deren Mittelpunkt Schubert stand, wurde musiziert, Dichtungen wurden vorgetragen und Unterhaltung gepflogen. 1822 verwendet Schubert selbst erstmals den Begriff „Schubertiade“. Der Bezirk Landstraße darf für sich in Anspruch nehmen, auch Ort solcher geselliger Treffen des SchubertKreises gewesen zu sein. Wir wissen, daß im November des Jahres 1823 das Quartier des Malers Ludwig Mohn in der ehemaligen Grasgasse Nr. 356 in der Vorstadt Landstraße kurze Zeit Treffpunkt des Schubert-Kreises gewesen ist. In diesem Haus (heute Neulinggasse 27 – Linke Bahngasse 13) wohnte Ludwig Mohn gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Ludwig Schnorr von Carolsfeld. Eine dieser Schubertiade hat, laut Moritz von Schwind, am 18. Jänner 1824 bei Mohn stattgefunden. Von einem anderen bedeutenden Bewohner der Landstraße, dem Dichter Eduard Bauernfeld, wissen wir, daß auch in seiner Landstraßer Wohnung des öfteren Schubertia den abgehalten wurden. Bauernfeld lebte während des Jahres 1825 im Haus Nr. 414 in der Rabengasse (heute Beatrixgasse 16) in einem Gartenhäuschen, der sogenannten „Spelunke“. Dem Tagebuch des Dichters entnehmen wir, daß im April 1825 eine große Schubertiade mit Freunden, Musikern und Malern bei dem damals jüngsten Schubertverehrer veranstaltet wurde. Ein Fäßlein „Retzer“, das Bauernfeld und Schwind von einem Ausflug in die Weinstadt mitgebracht hatten, habe den Anlaß für das gesellige Zusammentreffen gegeben.
Noch eine Landstraßer Adresse ist im Zusammenhang mit Schubert nicht zu übersehen: Im Februar 1826 kam es in der Wohnung des damaligen Vizekapellmeisters am Kärntnertortheater, Franz Lachner, zu einer Zweitaufführung von Schuberts berühmtem Streichquartett d-moll, D 810, das nach dem Thema des zweiten Satzes den Beinamen „Der Tod und das Mädchen“ trägt.

Zu den bedeutendsten Symphonikern überhaupt zählt der am 4. September 1824 in Ansfelden, Oberösterreich, geborene Anton Bruckner. Sein Sterbeort befindet sich auf dem Gebiet der Landstraße. Der große Komponist verbrachte nämlich seine letzten Lebensjahre in dem ebenerdigen Kustodentrakt des Oberen Belvederes. Auf Veranlassung Kaiser Franz Josephs I. wurde Bruckner hier eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Vor dem Sterbezimmer befindet sich an der Hauswand eine Gedenktafel mit einem Reliefporträt in Bronze und der Inschrift: „In diesem Hause starb Anton Bruckner am 11. Oktober 1896.“ Das Porträtrelief schuf der Bildhauer Eduard Naumann. An der Szenerie von Bruckners Todesstätte hat sich kaum etwas gändert, nur daß der kleine, auf alten Photographien zu sehende Vorbau an der Eingangstüre entfernt worden ist.
Es ist kaum in der Öffentlichkeit bekannt, daß die im Herzen des Weißgerberviertels gelegenen traditionsreichen Sophiensäle auch zu Bruckner in einer erwähnenswerten Beziehung standen. Noch in schon vorgerücktem Alter besuchte der eifrige Tänzer Bruckner mehrere dort veranstaltete Bälle, vor allem den Juristenball. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen kann man diesbezüglich genaue Informationen erhalten, sogar die Namen seiner Tänzerinnen scheinen darin auf. Ein völlig anderer Anlass war jedoch der im großen Sophiensaal am B. Dezember 1891 anlässlich seiner Promotion zum Ehrendoktor veranstaltete Festakt. In der Öffentlichkeit wurde dieses Fest fast vollkommen übergangen. Der dem „Musikanten Gottes“, wie Bruckner oft genannt wird, zu Ehren benannte Platz bestand leider nur bis zur Errichtung des an dieser Stelle erbauten Bürgertheaters.
Bruckners Widerpart auf musikalischem Gebiet war der aus Hamburg gebürtige Johannes Brahms. Brahms verbrachte viel Zeit im Kreise der mit ihm befreundeten Familie Fellinger. Und diese Freundschaft verbindet ihn auch mit dem dritten Bezirk. Die Familie Fellinger lebte damals im Hause Landstraßer Hauptstraße 96. Im Hofe des Hauses wurde eine Gedenktafel mit Brahms Porträtrelief von Bildhauer Franz Siegel mit folgender Inschrift angebracht: „In diesem Hause verbrachte Johannes Brahms vom Jahr 1893 an bis zu seinem Tode viele Stunden im Kreise der Familie Fellinger. Viele seiner Werke erklangen hier zum erstenmal.“
Um die Jahrhundertwende, im Jahr 1902, finden wir den damaligen Operndirektor und Komponisten Gustav Mahler auf der Landstraße. Er bewohnte in jener Zeit das Haus Auenbruggerstraße z. Der Zufall bewirkte es, daß das Haus Auenbruggerstraße 2 noch einmal einen bedeutenden Mann des Musiklebens beherbergen sollte. Im Jahr 1951 wohnte hier einer der Nachfolger Mahlers auf dem Stuhle des Operndirektors, der Dirigent Dr. Karl Böhm.
Einen Teil seines Leidensweges verlebte in einer Privatirrenanstalt in der Leonhardgasse 3/5 der Komponist Hugo Wolf; er war in der sogenannten „Svetlinschen Heilanstalt“ vorübergehend untergebracht. Als Mitte September 1897 Wolf von Mahler erfuhr, daß sein „Corregidor“ in der Staatsoper nicht aufgeführt werde, begannen sich bei Wolf Anzeichen des beginnenden Wahnsinns zu zeigen. Bei einem Privatkonzert hielt er vom Klavier aus eine Ansprache, in der er sagte, er wolle selbst Direktor der Oper werden und Mahler hinauswerfen. Am 20. September 1897 wurde Wolf von einem Freund in die Landstraßer Heilanstalt gebracht. Wolf hatte sich zu der Fahrt einen Frack angezogen, da er der Meinung war, man bringe ihn zum Fürsten Liechtenstein, damit er sich als neuer Direktor vorstellen könne. Hugo Wolf verbrachte vier Monate bei Dr. Svetlin, dem Besitzer der Anstalt. Während seines Aufenthaltes in der Landstraßer Irrenanstalt instrumentierte Wolf noch den Eingangschor aus „Manuel Venegas“ und schrieb einige Lieder.

Neben Gustav Mahler und Karl Böhm weilte noch ein dritter ehemaliger Operndirektor für einige Zeit im Bezirk Landstraße – der Komponist Richard Strauss. Auch er war einer der großen Dirigenten seiner Zeit. Vor allem mit den Wiener Philharmonikern verband ihn Zeit seines Lebens eine innige Freundschaft. Das Orchester war es auch, das anläßlich des 100. Geburtstages von Strauss an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Jacquingasse 8 (jetzt Niederländische Botschaft) eine Gedenktafel anbringen ließ. Einiger weiterer Vertreter der ernsten Musik, die mit der Landstraße in Verbindung standen, sei nur kurz gedacht: Peter Cornelius, der während seines Wiener Aufenthaltes von 1860 bis 1864 im Hause Pfefferhofgasse 1 wohnte, die beiden großen Neuromantiker Franz Schmidt (er wohnte in der Neulinggasse 34-36) sowie Josef Marx, der in der Traungasse 6 zu Hause war.
Wir haben diese Betrachtung mit Mozart und Beethoven, zwei Hauptvertretern der „Wiener Schule“, begonnen. Auch zwei Vertreter der sogenannten „Zweiten Wiener Schule“ wohnten einige Zeit auf dem Boden des Bezirks. Arnold Schönberg, der Begründer der Zwölftonmusik, lebte für einige Zeit in der Rechten Bahngasse 30, sein Schüler und Freund, Anton von Webern, hatte für einige Zeit sein Quartier in der Löwengasse 53. Anläßlich seines 90. Geburtstages wurde am Haus eine Gedenktafel angebracht.

Wenden wir uns nun noch der „leichten Muse“ zu, denn auch Vertreter dieser Sparte sind mit dem dritten Bezirk eng verbunden. An vorderster Stelle sei Carl Michael Ziehrer genannt. Im Jahr 1908 wurde er, nach Johann Strauß Vater und Sohn sowie Eduard Strauß, als vierter und letzter Musiker zum Hofballmusikdirektor ernannt. Nach dem Ersten Weltkrieg verarmt, starb er am 14. November 1922 auf der Landstraße, Erdbergstraße 1. Ziehrer wohnte in diesem Haus viele Jahre hindurch. Eine Gedenktafel verweist darauf: „An dieser Stätte wohnte der Wiener Tondichter C. M. Ziehrer durch 23 Jahre seines erfolggekrönten Schaffens. Er starb hier im 80. Lebensjahre am 14. November 1922.“ Vorher hatte Ziehrer im Hause Landstraßer Hauptstraße 59 gewohnt. Das „Ziehrer Museum“ war lange Zeit im Haus Landstraßer Hauptstraße 138 untergebracht. In zwei Räumen waren hier Klavier, Porträts, die Totenmaske Ziehrers, Briefe, Fotos u. ä. zu sehen. Heute befindet sich das Ziehrer Museum in Verwahrung der Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Das Haus auf der Landstraßer Hauptstraße wurde auch Sitz des 1933 ins Leben gerufenen Ziehrer-Bundes.
Überwiegend Komponist von Vokalwerken war der Chormeister des Wiener Schubertbundes Adolf Kirchel (1858-1936), an den eine Gedenktafel Ecke Beatrixgasse und Baumannstraße erinnert. Ebenfalls Chordirigent war Hans Wagner-Schönkirch (1872-1940), der 1896 an die damalige k. k. Staatslehrerbildungsanstalt berufen wurde. Von seinen rund 600 Kompositionen sind 236 Chorwerke. Er gründete, hauptsächlich aus Absolventen dieser Lehrerbildungsanstalt, 1912 den „Wiener Lehrer-a-cappella-Chor“, der bald in der Wiener Musikwelt einen führenden Platz einnahm. Der Landstraßer Männergesangsverein, mit dem Wagner-Schönkirch oft zusammen wirkte, ließ an dem Wohnhaus des Dirigenten und Komponisten in der Kundmanngasse 20 eine Gedenktafel anbringen. Ein Freund von Wagner-Schönkirch, Viktor Keldorfer (1873-1959), war viele Jahre hindurch Chorleiter des Wiener Schubertbundes und wohnte im Haus Hintzergasse 8.

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